Things in Past and Present in the Spirit of Man
Bald nach Ausbruch des Krieges ist mir immer wieder und wiederum zugeschickt oder auf den Vortragstisch gelegt worden ein Gedicht, von dem behauptet worden ist, daß es im Nachlaß Robert Hamerlings als eine Prophetie der gegenwärtigen Zeit gefunden worden sei. Man brauchte nur ein wenig sich eingelebt zu haben in die Art und Weise der Dichtkunst Robert Hamerlings, um zu wissen, daß auch nicht eine Zeile in diesem Gedichte von Robert Hamerling herrühren könnte. Trotzdem ging durch eine ganze Reihe von Zeitungen immer wieder und wiederum bewundernd die Rede, wie Hamerling vor seinem Tode — er ist ja 1889 gestorben — die gegenwärtige Zeit voraus besungen hat. Mancherlei Geister sind darauf hereingefallen in einer Zeit, in der man sogar schon hat wissen können, daß das Gedicht erschwindelt ist. Ich war erstaunt, wie verhältnismäßig spät erst zum Beispiel Maximilian Harden in der «Zukunft» hereingefallen ist auf dieses Gedicht. Und «schöne» Worte — schön mit Gänsefüßchen — braucht Harden, um zu sagen, wie man die Muse Robert Hamerlings durch die edlen Verse dieses Gedichtes durchfühle. Vor einigen Tagen nun konnte man hier ein Abendblatt kaufen, da wurde in einem Leitartikel die bittere Pille besprochen, die uns als Osterpille in die gegenwärtige Zeit hereingefallen ist. Und man konnte den Ernst, mit dem das Zeitungsblatt diese Sache besprach, daran ermessen, daß in diesem Leitartikel, wo eine bitter-ernste Angelegenheit besprochen wird, zum Schlusse wiederum dieses Gedicht «von Robert Hamerling» angeführt wird! Das ist so recht ein Beispiel, wie ernst auch jede andere Zeile zu nehmen ist da, wo solche Urteilskraft oder vielmehr solches Gegenteil von aller Urteilskraft vorhanden ist.
Cite:
GA 167/1916-04-25/p023 · edition original