Things in Past and Present in the Spirit of Man

GA 167/1916-04-25/p033 ·1916-04-25 · original (original)

Wie gesagt, diese Dinge müssen, so sehr sie auf dem Boden der Alltäglichkeit zu spielen scheinen, schon durchaus beachtet werden, man muß schon den Blick darauf hinwenden. Denn viel wichtiger ist, daß man die Fähigkeit des beweglichen Denkens erlangt, als der Besitz einzelner geisteswissenschaftlicher Wahrheiten. Bei der Kraft der Klarheit des Denkens und bei der Weite und Beweglichkeit des Denkens, die nötig ist, um sich hineinzufinden in das Anerkennen der geisteswissenschaftlichen Wahrheit, kann man nicht anders, als spüren und empfinden, wo heute das vorhanden ist, was ich als Lebenslüge, Hochmut und alle möglichen Dinge dieser Art charakterisiert habe, die heute so vielfach das Leben beherrschen. An den breiten Menschenmassen liegt es nicht. Derjenige, meine lieben Freunde, der das Menschenleben kennt, der weiß, daß wenn es nur auf die menschlichen Naturen ankäme, es ebensogut möglich wäre, daß, wie Ihre Zahl hier Geisteswissenschaft aufnimmt, zwei Drittel von Berlin Geisteswissenschaft aufnehmen würden! An den Menschen als solchen, an der breiten Menschenmasse liegt es nicht. Es liegt an den Verhältnissen und an den führenden Persönlichkeiten. Das muß klar und deutlich empfunden werden. Und nicht einmal so sehr an den führenden Persönlichkeiten als an den Strömungen, in die diese führenden Persönlichkeiten eben durch die Zeit hineingepfercht sind, und wobei es dahin gekommen ist, daß heute jeder glaubt, über alles ohne eine Grundlage der Einsicht in die Welterscheinungen ein Urteil haben zu können. Man sagt ja, es werde heute viel Geistreiches geschrieben, wenn man auf dem Standpunkt der ganz gescheiten Leute steht. In Wahrheit wird viel gekohlt. Man könnte hier auch sagen, es wird viel «gekohlert»; denn der Professor Dr. Kohler ist Professor an der Berliner Universität, Rechtslehrer, und ist Neu-Hegelianer. Daher könnte man auch das Wort «kohlen» durch «kohlern» ersetzen. Ja, sehen Sie sich nur das an von einem etwas gründlichen Standpunkte, was von solchen Neu-Hegelianern zusammengekohlert wird! Wie gesagt, notwendig ist es, ein offenes Auge und einen freien Sinn zu haben für dasjenige, was da lebt in unserer Zeitbildung, im Zeitdenken.

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