Homo oeconomus
Es wird in der nächsten Zeit von mir ein Buch erscheinen, das vieles enthält von den Ideen, die ich vorgetragen habe in den zwei letzten Wintern vor der Öffentlichkeit. In diesem Buche wird aber auch vieles von dem darin sein, wodurch der neuere Weltanschauungsidealismus, der also nach dem Mysterium von Golgatha liegt und diese seine Stellung nach dem Mysterium von Golgatha wohlverstanden hat, hinaus ist über dasjenige, was im alten Indien zu finden war. Denn tatsächlich, meine lieben Freunde, was Fichte, was Hegel, was Schelling, was die anderen, die ich genannt habe, gelehrt haben, das liegt weit hinaus über dasjenige, was die orientalische Weisheit, was das Brahmanentum enthält. Und daß man heute noch nicht allgemein anerkennt, daß das darüber hinaus liegt, das hat zwei Gründe. Der eine Grund ist der, daß man gewöhnlich findet, es sei zu schwierig, sich mit den Dingen zu befassen. Darüber habe ich auch in meinem Buche einiges gesprochen. Der andere Grund ist der, daß wir nun überhaupt kein solches Talent haben, uns selbst und anderen so ungeheuer erhaben vorzukommen, wenn man eine Erkenntnis errungen hat, wie der Orientale dieses hat. Und daher können Sie auch dieses «Hohe Ziel der Erkenntnis» vom Anfang bis zum Ende durchlesen, und Sie werden überall finden, daß nicht nur Erkenntnisse mitgeteilt werden, die erworben worden sein sollen, sondern daß auch überall beigefügt ist, daß diese Erkenntnis eine erhabene Erkenntnis ist, daß diese Erkenntnis so erhaben ist, daß sie selbstverständlich nur für Auserwählte verständlich, begreiflich ist, daß sie nur von den höchsten Meistern der Weisheit mitgeteilt wird. Ja, meine lieben Freunde, man braucht sich einmal bloß zu überlegen, was bei dem Talent für Verehrung, das das Morgenland hat, aus einem Fichte geworden wäre in der Nachwelt, dann würde man einen Begriff bekommen von dem, was wir eigentlich im Abendland unterlassen. Wir haben schon nicht die Begabung, mit denselben Untergefühlen zu den Großen emporzublicken, mit denen der Orientale zum Beispiel zu seinem Buddha oder zu seinem Shankaracharya hinaufblickt. Aber verführerisch — und da kann man schon sagen, luziferisch verführerisch — ist es, wenn so gesprochen wird. Denn erstens redet es sich sehr leicht in unsere Seele ein, wenn jemand ein «Hohes Ziel der Erkenntnis» schreibt. Es ist schon an sich ein Titel, nicht wahr, der suggestiv wirkt, denn jeder leckt sich die Finger ab, wenn er das «Hohe Ziel der Erkenntnis» auf 173 Seiten sich aneignen kann. Aber davon abgesehen, wenn in dem Buch fortwährend ausdrücklich hervorgehoben wird: die Weisesten der Weisen haben das zurückbehalten, nur dir, mein Teurer, wird es anvertraut, — was muß das für ein bedeutender Mensch sein, wenn er das Wissen empfängt, das die Weisesten der Weisen immer bewahrt haben, und das ihm anvertraut wird! Und gar wenn dieses Gefühl der Selbstbeweihräucherung so stark vorhanden ist, daß solch ein Buch nun gar schließt mit den bedeutungsvollen Worten:
Cite:
GA 167/1916-05-30/p007 · edition original