{"corpus":"steiner","locus":"GA 167/1916-05-30/p027","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Sehen Sie, solch eine Gestalt, die schon in gewissem Sinne eine Seher-Gestalt ist, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, ist Robert Hamerling, der größte neuere Dichter Mitteleuropas. Nun will ich nicht von der Dichtung Robert Hamerlings im allgemeinen sprechen, auch nicht von seiner Philosophie im allgemeinen. Darüber können Sie lesen in dem Buch, das ich eben erwähnt habe, das nächstens von mir erscheinen wird. Aber ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß sich Hamerlings Sehergabe wirklich bewährt hat in einem gründlichen Durchschauen desjenigen, was in der Gegenwart spielt. Und daß sich seine Sehergabe so bewähren konnte, das hat er in seinem noch kurz vor seinem Tode erschienenen großen satirischen Epos «Homunkulus» gezeigt. Homunkulus — was ist denn das eigentlich für eine Dichtung? Nun, ich will Ihnen heute nicht die Dichtung erzählen; die können Sie ja lesen. Ich will nur zeigen, wie man die Homunkulus-Idee und das Homunkeltum, den Homunkulismus aus der Gegenwart heraus verstehen kann. Nicht wahr, wir haben heute Leute unter uns — ich meine nicht, hier unter uns, sondern im allgemeinen, und wenn welche unter uns wären, so wären ja die Anwesenden ausgenommen! — wir haben heute Leute unter uns, welche glauben, daß die naturwissenschaftliche Vorstellungsart ganz allein für ein Weltbild berechtigt ist, daß alles naturwissenschaftlich erklärt werden muß, und daß alles übrige, was nicht naturwissenschaftlich erklärt wird oder erklärt werden kann, abzuweisen ist: das sei nichts als phantastische Träumerei, phantastische Mystik, Okkultismus! — Nicht wahr, wir haben solche Menschen unter uns. Diese Menschen gehen davon aus, daß alles unter mechanistischen Gesetzen, unter den Gesetzen der Materie steht. Auch alle geistigen Erscheinungen und Erlebnisse stehen unter mechanistischen, unter materialistischen Stoff- und Kraft-Gesetzen. Nun, selbstverständlich kann man sich das vorstellen. Aber solch eine Welt, wie sie der materialistische Denker vorstellt, kann nicht wirklich sein. In der würde niemals das kleinste Pflanzenwürzelchen, geschweige denn ein Tier oder ein Mensch entstehen. Aber es könnte jemand einmal die Frage stellen: Wie würde denn eigentlich der Mensch beschaffen sein, wenn es die Welt gäbe, welche die naturwissenschaftliche Vorstellungsart vorstellt, wenn diese Welt wirklich existierte, wenn nichtunsere Welt, die geistdurchsetzt ist, existierte, sondern wenn diejenige Welt existierte, die der, der einzig und allein an naturwissenschaftliche Vorstellungen glaubt, eben sich denkt. Wie wäre ein solcher Mensch beschaffen? Nun, ein solcher Mensch würde aus solch einer Welt nach rein mechanistischen Gesetzen erzeugt, selbstverständlich. Alles Geheimnisvolle würde verschwunden sein. Hamerling beantwortet mit echt künstlerischer, dichterischer Kraft diese Frage, indem er in seinem Homunkulus einen solchen Menschen hinstellt, der wirklich so ist, wie der Mensch werden müßte, wenn es nur die Welt des Materialistischen gäbe — ein Homunkulus! Und dieser Homunkulus erreicht viel. Denn wenn Sie sich an manches erinnern, was ich gerade in den letzten Betrachtungen ausgeführt habe: Das Gehirn ist schon in gewissem Sinne ein mechanisches Werkzeug, das Gehirn könnte schon entstehen beim bloßen Mechanismus. Also könnte da das Gehirn Gescheitheit erzeugen, so könnte ein solcher Mensch furchtbar gescheit werden, könnte sich furchtbar gescheit hinstellen in diese Weltenordnung, in der auch alles mechanisch wäre. Der Homunkulus Hamerlings ist auch sehr gescheit. Er kann alle die Dinge, die sich in der Welt ergeben, sehr gut kombinieren. Er gründet ein Allerweltsblatt. Das kann man auch in einer Welt, in der der Homunkulismus blüht; man kann große Blätter begründen. Der Homunkulus wird auch Billionär. Nicht bloß Millionär, auch Billionär wird er, der Homunkulus! Das kann man auch in einer Welt, in der es keinen Geist gibt! Nun, so geht es weiter. Er bringt eine Affenschule zustande, weil er selbstverständlich aus dem materialistischen Darwinismus heraus die Idee hat, daß die Menschen vom Affen abstammen. Also wenn man die Affen nur ordentlich unterrichtet und sie entsprechend schulmäßig behandelt, so müssen sie sich natürlich zu Menschen verwandeln; man kürzt ihren Weg dann schulmäßig ab, nicht wahr? Es ist ein vorzügliches Kapitel, diese Affenschule in Hamerlings «Homunkulus»! Er zeigt auch, welche Stellung gewisse Leute einnehmen, die Zeitungen und anderes ähnliches Zeug schreiben. Das alles kann geschehen in einer Welt des Homunkulismus. Man kann sagen: Hamerling hat in den achtziger Jahren wirklich mit Sehergabe geschrieben. Denn selbstverständlich gäbe es in der Welt des Homunkeltums auch Luftschiffe, das ist ja ganz klar, viel vollkommenere vielleicht, als bei uns schon da sind, weil noch immer die alten Anschauungen die Sache stören, nach dem Eindruck gewisser Leute. Der Homunkulus baut sich selbstverständlich auch ein Luftschiff — in den achtziger Jahren schrieb das Hamerling hin —, er hat nur das Malheur, daß er, indem er mit diesem Luftschiff in die Welt hinausfährt, von den Welten-Anziehungskräften, von der Welten-Gravitation ergriffen und nun wirklich von den mechanischen Kräften in den Weltenraum mitgenommen wird. Und wenn Sie abends hinausgehen und ganz genau hinschauen, und irgend so ein Wrack in der Ferne sehen: Da ist der Homunkulus auf dem zerschellten Weltenschiff! Da hält er sich noch an dem letzten Pfosten so an. Er geht auch in die mechanischen Kräfte auf.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Homo oeconomus","site_heading":null,"date":"1916-05-30","location":null,"word_count":807,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/167/1916-05-30/p027","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/167/1916-05-30/p027"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}