Homo oeconomus
Solches könnte man vielleicht erfahren. Und wenn der Betreffende glaubte, ein Dichter zu sein, ja, wenn er vielleicht sogar schon früher bis zu einem gewissen Grade gute Dichtungen geschrieben hat, und er trifft gerade, weil ihm die anderen Stoffe ausgegangen sind, auch auf den Christus-Jesus-Stoff, so könnte der vielleicht das auch künstlerisch so darstellen wollen, könnte sich fragen: Ja, wie ist denn heute ein Mensch eigentlich beschaffen, der das in sich aufnimmt, was der Christus Jesus gewesen sein soll nach den Evangelien? — Es muß eine Art Träumer sein, ein schwachsinniger Mensch. Denn ein gescheiter Mensch, der es heute «so herrlich weit gebracht» hat, nicht wahr, der prüft die Evangelien kritisch, findet ihre Widersprüche, zeigt, daß höchstens ein guter Mann in Nazareth gelebt haben könnte, aber an das, was die Evangelien enthalten, kann ja ein vernünftiger Mensch nicht glauben; ein schwachsinniger Mensch muß es sein. Und solch ein schwachsinniger Mensch, der kann dann leicht darauf kommen, zu sagen: Ich folge dem Christus Jesus. Einer, der es so herrlich weit gebracht hat, tut das nicht, sondern einer, der schwachsinnig ist. Solch ein Schwachsinniger könnte dann auch, sagen wir, auf die Wanderschaft gehen, in einem fremden Dorfe auftreten, sich irgendwo in der Nähe einer Laterne auf einen Stein stellen und anfangen zu predigen, weil er sich voll des Geistes des Christus glaubt — so könnte einer schildern, der es so herrlich weit gebracht zu haben glaubt —, und weil der Betreffende ein Schwachsinniger ist, so wird er eingesperrt. Man könnte da lesen, sagen wir, daß derjenige, der heute als Christus auftritt, eingesperrt wird. Dann wird er verhört vom Pfarrer, der ihm klar macht, daß er nicht über den Christus zu reden hat, weil er kein Pfarrer ist. Dann wird er von demjenigen, der das Richteramt hat, ordentlich angeschnauzt, dann wird er entlassen, weil er doch ein Narr ist, wird nicht weiter eingesperrt. Na, das geht so weiter, er trifft andere, die an seine Narrheit glauben, heilt auch andere; denn das glaubt ja der moderne Mensch, daß Krankheit, die nicht eigentlich Krankheit ist, durch Handauflegen von so nicht ganz Vollsinnigen geheilt werden könne. Endlich wird der Schwachsinnige immer schwachsinniger und bildet sich nun selber ein — weil alle Leute sagen: In dir ist wirklich der Christus erschienen —, er sei der Christus, hat noch irgendein Malheur, so daß er verkannt wird, und so weiter. — Nicht wahr, es wäre schon etwas Furchtbares, wenn sich die sogenannte Gescheitheit. der heutigen Leute verstiege, einen Christus so darzustellen!
Cite:
GA 167/1916-05-30/p045 · edition original