Über Das Ereignis Des Todes Und Tatsachen Der Nachtodlichen Zeit
Gerade umgekehrt ist es mit der entsprechenden Erfahrung nach dem Tode. Während niemals die unmittelbare Anschauung unserer Geburt vor unserer Seele stehen kann in dem physischen Leben, steht im ganzen Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt der Moment des Todes, wenn der Mensch nur hinschaut auf ihn geistig, vor der Seele. Nur müssen wir uns allerdings klar sein, daß dieser Moment des Todes dann von der anderen Seite gesehen wird. Wenn der Tod etwas Schreckhaftes haben kann, so ist es nur deshalb, weil er hier gesehen wird als eine Auflösung gewissermaßen, als ein Ende. Von der anderen Seite, von der geistigen Seite her, wenn zurückgeschaut wird zum Moment des Todes, erscheint der Tod immerfort als der Sieg des Geistes, als das Heraus-sich-Winden des Geistes aus dem Physischen. Da erscheint er als das größte, herrlichste, als das bedeutsamste Ereignis. Und außerdem entzündet sich an diesem Ereignisse dasjenige, was unser Ich-Bewußtsein nach dem Tode ist. Wir haben in der ganzen Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt nicht nur in ähnlichem, sondern sogar in einem viel höheren Sinne ein Ich-Bewußtsein als hier im physischen Leben. Aber dieses Ich-Bewußtsein würden wir nicht haben, wenn wir nicht immerfort zurückblicken könnten, sehen würden, aber von der anderen Seite, von der geistigen Seite, diesen Moment, in dem wir uns herausgerungen haben mit unserem Geistigen aus dem Physischen. Daß wir ein Ich sind, wissen wir nur dadurch, daß wir wissen: Wir sind gestorben, wir haben unser Geistiges aus unserem Physischen herausgelöst. In dem Augenblicke, wo wir jenseits der Pforte des Todes nicht hinschauen auf den Moment des Todes, da ist es für dieses Ich-Bewußtsein nach dem Tode so, wie es für das physische Ich-Bewußtsein hier im Schlafe ist. Wie man im Schlafe nichts weiß von dem physischen Ich-Bewußtsein, so weiß man nach dem Tode nichts von sich, wenn man nicht vor Augen hat diesen Moment des Sterbens. Man hat ihn als einen der herrlichsten, als einen der erhabensten Augenblicke vor sich.
Cite:
GA 168/1916-02-22/p011 · edition original