Über Das Ereignis Des Todes Und Tatsachen Der Nachtodlichen Zeit
Aber noch eine andere, eine wichtige, eine wesentliche Erfahrung tritt jetzt auf. Wenn wir hier in der physischen Welt leben, arbeiten wir, verrichten dies oder jenes, haben dabei Erlebnisse - davon haben wir Ja eben gesprochen. Aber wir haben nicht bloß in der physischen Welt Erlebnisse, sondern an den Erlebnissen, gleichzeitig mit den Erlebnissen, haben wir noch etwas anderes. Und ich will, wenn natürlich auch damit nur ein allgemeines Wort für diese gleichzeitigen Erlebnisse gebraucht ist, dieses Wort doch gebrauchen: Wir werden, kann man sagen, während wir erleben, ermüdet, abgenützt. Das ist ja immer so der Fall, wir werden ermüdet. Und wenn sich auch durch den Schlaf für das nächste Bewußtsein die Ermüdung wieder ausgleicht - vielmehr weniger durch den Schlaf als durch die Ruhe während des Schlafes, ganz richtig gesprochen -, so ist das doch nur eben ein geteilter Ausgleich; denn wir wissen natürlich, daß wir uns im Leben abnützen, daß wir älter werden, daß unsere Kräfte nach und nach schwinden. Wir werden auch in einem umfassenden Sinne müde. Und wenn man einmal älter geworden ist, weiß man das, daß man nicht alles ausgleichen kann durch den Schlaf. Wir werden also abgenützt hier, müde. Ja, wir können die Frage jetzt schon anders stellen. Nachdem wir das ausgesprochen haben, was wir gesagt haben, können wir jetzt die Frage aufwerfen: Warum lassen uns denn die Götter müde werden, warum werden wir denn müde? - Daß wir hier müde werden, daß wir abgenützt werden, gibt uns eben etwas, bedeutet für unser Gesamtleben eigentlich viel, recht, recht viel. Nur müssen wir den Begriff des Müdewerdens im umfassenderen Sinne, als man eben gewöhnlich glaubt, fassen. Wir müssen ihn recht sehr vor unsere Seele stellen, diesen Begriff des Müdewerdens.
Cite:
GA 168/1916-02-22/p024 · edition original