Karmische Wirkungen
Insbesondere ein Rätsel ist ja dasjenige, was der Mensch zwischen Geburt und Tod erlebt als Schicksal. In dieses Wort drängt sich vieles, sehr vieles hinein. Nun haben wir gestern im öffentlichen Vortrage andeuten können, wie die Schicksalsfrage durch die wiederholten Erdenleben in gewisser Beziehung eine Auflösung erlangt. Das sind allgemeine Gesichtspunkte. Aber man kann auch auf konkrete Verhältnisse hinweisen. Nehmen wir zum Beispiel an, jemand verliert im Leben einen teuren Angehörigen. Der Angehörige, sagen wir, stirbt verhältnismäßig früh, so daß derjenige, der zurückbleibt, noch ein längeres Erdenleben zu durchlaufen hat ohne diesen Angehörigen. Wir sehen, indem wir einen solchen Gedanken in uns anregen, sogleich etwas vor unser geistiges Auge treten, was Schicksalsfrage sein muß für viele Menschen. Nun handelt es sich darum, daß Geisteswissenschaft wirklich in eine solche Schicksalsfrage hineinleuchten kann. Gewiß, jeder Fall ist im Grunde genommen anders. Aber gerade dadurch, daß man einzelne Fälle geisteswissenschaftlich studiert, ergibt sich ein gewisser Einblick in den geheimnisvollen Verlauf des menschlichen Lebens. Man kann da zum Beispiel die Erfahrung machen: Ein Mensch ist in früheren Jahren gestorben, seinen Angehörigen entrissen worden. Nun, ich habe gestern gesagt: Es entwickeln sich, indem Menschen hier durch ihre physischen Leiber miteinander in Beziehungen treten, Verhältnisse zwischen diesen Menschen, die weit umfassender sind als dasjenige, was sich durch die physischen Leiber ausleben läßt. Ein viel weiterer Kreis von Zusammengehörigkeiten entwickelt sich, wenn man zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre zusammenlebt, ein viel weiterer Kreis von Kräften zwischen den beiden Menschen, als in diesen Jahren innerhalb der physischen Welt ausgelebt werden kann. Da sieht man dann oftmals, wenn man den geisteswissenschaftlichen Blick auf solche Verhältnisse lenkt, daß dasjenige, was sich da anknüpft, ein solches ist, daß es durch seine innere Natur verlangt die Fortsetzungen, die sich ergeben durch den Verlust sowohl für den übrigbleibenden Teil hier in der physischen Welt, wie für den Teil, der durch die Pforte des Todes hinübergegangen ist in die andere, in die geistige Welt. Derjenige, der hier zurückgeblieben ist, hat den Verlust zu tragen. Er hat, wenn wir es abstrakt ausdrükken, ein teures Menschenwesen aus dem physischen Gesichtskreise verloren in der Zeit, in der er nicht erwartete, es zu verlieren. Es sind ihm vielleicht Hoffnungen für das spätere Zusammenleben hier in der physischen Welt dadurch zerrissen worden, es sind Voraussetzungen für das Leben abgeschnitten worden. Die gehören alle zu den Lebenserfahrungen, die gehören aber auch alle zu dem hinzu, was gewissermaßen sich anfügt den Erlebnissen, die man im physischen Leibe miteinander gemacht hat. Daß sich Trauer, Schmerz anreiht an dasjenige, was man zusammen im physischen Leibe erlebt hat, das wirkt verändernd auf die Beziehungen, die sich nur im physischen Leibe haben anknüpfen können. Denn geradeso wie dasjenige, was wir täglich aneinander erleben, wenn wir in physischen Leibern einander gegenüberstehen, nunmehr in die karmische Linie, in die fortschreitende Entwickelungsströmung sich hineinergießt, so summiert sich hinzu zu dem, was man so täglich erlebt, dasjenige, was man unter dem Eindruck des Verlustes erlebt. Alle die Empfindungen, alle die Gefühle, die man da erlebt, die fügen sich den Erfahrungen an, die man im Leben im physischen Leibe gemacht hat. Das ist gesehen von dem Gesichtspunkte desjenigen, der da zurückbleibt in der physischen Welt.
Cite:
GA 168/1916-10-24/p004 · edition original