Karmische Wirkungen
Das ist übrigens eine Erscheinung - ich habe auch das an manchen Orten schon hervorgehoben -, die nicht nur eine Wahrheit bedeutet für das geistige Kulturleben der Menschen, sondern sogar für das physisch-dichteste Erdenleben. Man lese das schöne geologische Buch «Das Antlitz der Erde» von Eduard Sueß, und man wird darin ausgeführt finden, wie die Erde früher in bezug auf ihre physische Oberfläche ganz anders war, als sie jetzt ist, wie sie gewissermaßen als Erdoberfläche in sich erstorben ist und nicht mehr dieselben Kräfte heute in der gewöhnlichen physischen Erdoberfläche sind, wie vor längeren Zeiträumen. Zerbröckelnd ist die Erdoberfläche. Was da im physischen Leben stattfindet, das findet aber auch statt im geistigen Leben. Und, wie gesagt, es nimmt sich oftmals trostlos aus, wie die Menschen dem zusehen, ohne ein Bewußtsein davon zu haben. Für das geistige Leben ist es so, daß wenn man den Weg schildert, den die Menschheit läuft, man sagen muß: Trotz des Hochmutes, der unsere Zeit durchsetzt, stellt sich heraus, daß die Gedanken der Menschen immer unlebendiger und unlebendiger, immer toter und toter werden, und sogar immer zusammenhangloser und zusammenhangloser. Die Menschen sind selbstverständlich stolz auf ihr heutiges Denken. Und wie hoch dünkt sich oftmals dieser oder jener Gymnasiallehrer über den Plato erhaben, wenn er seinen Schülern den Plato erklärt! Der geistvolle Dichter Hebbel hat sich allerdings in sein Tagebuch geschrieben, daß er ein Drama schreiben wolle, das allerdings nicht zur Ausführung gekommen ist, dessen Held der wiederverkörperte Plato sein sollte, der im Gymnasium von seinem Lehrer bestraft wird, weil er bei der Lektüre des Plato den Plato gar nicht verstehen kann. Die Menschen würden entgegengehen gewissermaßen einer Diskontinuität ihres Gedankensystems, wenn nicht Auffrischung dieses Gedankensystems kommen würde durch die Gedanken, die aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis geboren werden. So sonderbar dies heute klingt, wahr ist es: Die intensive Kraft, die der Mensch braucht, um die Gedanken richtig zu fassen, so daß sie Wirklichkeitswert haben, die erlahmt, weil der Mensch selbständig werden soll, sich eigene Kräfte erwerben soll. Deshalb, könnte ich gewissermaßen sagen, ziehen sich die Götter, die Geister zurück, die einen früher inspiriert haben zu dem Gedankenzusammenhang, und der Mensch muß selbständig Lebendigkeit in seine Gedanken wieder hineinbringen. Die wird er aber nur hineinbringen, wenn er nicht zu hochmütig ist, um jenes Leben in sich aufzunehmen, das aus der Geisteswissenschaft fließen kann.
Cite:
GA 168/1916-10-24/p018 · edition original