Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten
Diese Dinge hören ja auf, wie Sie wissen, indem das Menschengeschlecht fortschreitet, und eine Zeit kann man heranrücken sehen, in der diese Erbschaften, diese konservativen Verhältnisse keine Rolle mehr spielen werden. Die physischen Bande werden nicht mehr da sein können in derselben Weise wie früher. Dafür müssen aber um so mehr die Menschen aus den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen dasjenige herausnehmen, was die Sache ins Bewußtsein herüberträgt, so daß man bewußt anknüpfen kann an solche Lebensgewohnheiten früherer Zeiten, mit denen man rechnen muß, damit das Leben kontinuierlich vorwärtsschreiten kann. Wir leben jetzt in einer Übergangszeit seit dem Beginn der fünften nachatlantischen Periode, mit der mehr oder weniger das Chaos eingezogen ist. Aber es werden spätere Verhältnisse wieder kommen, wo man in einer viel bewußteren Weise durch Erkenntnis der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten an das Frühere anknüpfen wird. Unbewußt haben es die Leute schon getan, instinktiv. Aber dasjenige, was heute noch instinktiv ist, muß in Bewußtsein umgewandelt werden. Man achtet zwar nicht darauf, wer aber nur Geschichte geistig studieren kann, der würde schon bemerken, wenn er nur auf die realen Verhältnisse ginge und nicht auf die schauderhaften Abstraktionen, in denen heute gerade die sogenannten Geisteswissenschaften arbeiten, daß, was in einem Zeitalter gelehrt wird, den Charakter trägt, daß man gewissermaßen unbewußt, instinktiv anknüpft an das, was die Verstorbenen hereinströmen lassen in die Gegenwart. Wird man einmal verstehen, die großen pädagogischen Gedanken wirklich zu studieren, die in einem Zeitalter von den Trägern der Pädagogik verbreitet werden - von den wahren, nicht von denjenigen, die Scharlatane sind —, dann wird man sehen, daß diese tragenden pädagogischen Gedanken herrühren von dem gemeinsamen Übertragen der Gewohnheiten derjenigen, die vor einer gewissen Zeit gestorben sind, die ihre Gewohnheiten hereinfließen lassen.
Cite:
GA 168/1916-11-09/p021 · edition original