Die Verbindung zwischen Lebenden und Toten

GA 168/1916-11-09/p026 ·1916-11-09 · original (original)
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Dasjenige, was heute allgemein Sitte ist, daß einer, nachdem er seine Meinung erworben hat, nicht schnell genug für seine Meinung Propaganda machen kann, das könnte von dem wirklichen praktizierenden Geisteswissenschafter nicht angestrebt werden. Und da komme ich mit dem Persönlichen: Es ist wirklich nicht ein Zufall, sondern etwas, was mit meinem Leben notwendig zusammenhängt, daß ich nicht damit begonnen habe, meine Ansichten niederzuschreiben, der Welt mitzuteilen, sondern geschrieben habe «Goethes Weltanschauung» ganz im Geiste und im Sinne der Goetheschen Weltanschauung, um nicht anzuknüpfen an einen Lebenden. Auch wenn man selbst dieser Lebende ist, so könnte einem das niemals eine wirkliche Berechtigung geben, Geisteswissenschaft in diesem Umfange zu lehren, wie das von mir versucht wird, sondern das ist ein notwendiges Glied, sich ganz in den objektiven Gang der Weltenentwickelung hineinzuversetzen. Ich habe also nicht meine Erkenntnistheorie geschrieben, sondern Goethes Erkenntnistheorie, die Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltauschauung und so fort. Sie sehen daraus, wie gewissermaßen die Entwickelung des Menschen weitergeht, wie reif werden diejenigen Dinge, die der Mensch sich hier erwirbt, nicht nur für sein eigenes im Karmaweg fortschreitendes Leben, sondern wie es auch immer reifer wird für die Welt, und wie wir fortfahren zu wirken auf die Welt, indem nach einer bestimmten Zeit wir ausgereift sind, Imaginationen, nach weiterer Zeit Inspirationen in die Gewohnheiten der Menschen hineinzuschicken. Nach einer noch längeren Zeit erst sind wir bereit und reif, Intuitionen in das Intimste des menschlichen Lebens, in die Anschauungen, hineinzusenden. Man darf durchaus nicht glauben, daß unsere Anschauungen aus dem Nichts herauswachsen, oder daß sie in Jedem Zeitalter neu entstehen. Sie wachsen aus dem Boden heraus, in dem unsere Seele wurzelt, der aber eigentlich identisch ist mit dem Wirken längst verstorbener Menschen.

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Cite: GA 168/1916-11-09/p026 · edition original