Der Zusammenhang des Menschen mit der Geistigen Welt
Verzeihen Sie, wenn ich an dieser Stelle — Sie wissen, ich tue das nicht gern und deshalb sehr selten - etwas ganz Persönliches einschalte. Wer versucht, dasjenige, was ich jetzt schon vor Jahrzehnten zu schreiben begonnen habe, sich anzusehen, der wird sehen können, daß ich damals ganz abgesehen habe von dem, was ich als meine eigene Meinung vorzubringen hatte. Ich habe über Goethe nicht geschrieben meine Meinung, sondern ich habe versucht, die Gedanken auszudrükken, die aus Goethe kommen konnten; ich habe eine «Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung» geschrieben, nicht meine Erkenntnistheorie. — In solcher Weise kann man sich ganz bewußt anschließen an längst Verstorbene und kann aus ihrem Geiste heraus wirken. Das ist auch dasjenige, was einem gewissermaßen das Zerufikat gibt, auf die Lebenden wirken zu dürfen. Denn das ist ein schlechtes Zertifikat, auf das insbesondere in unserer Gegenwart die Leute pochen, daß ein jeder, kaum daß er eine Meinung gefaßt hat, diese sogleich wiederum an zahlreiche, möglichst viele Anhänger weitergeben will. Derjenige, der aus der geistigen Welt heraus die Bedingungen des Daseins kennt, die Grundgesetze des Daseins, der weiß, daß der Mensch eigentlich, so sonderbar, so paradox das ist, in die Tiefen der Seelen seiner Mitmenschen erst hineinwirken darf, wenn er gestorben ist, und da erst, nachdem er ein Geistesjahr, das heißt dreißig Jahre, durchgemacht hat. Ungeheures würde gewonnen, wenn jene Selbstlosigkeit in der Welt etwas weiter um sich griffe, daß die Späterlebenden sich anschließen würden an die Verstorbenen und versuchen würden, die Kontinuität in der Evolution wirklich in bewußter Weise aufrechtzuerhalten. Ob es eine reine Wahlverwandtschaft ist, ob es eine durch das Karma herbeigeführte sonstige Verwandtschaft ist: die Anlehnung an diejenigen, die sich da bemühen, aus der geistigen Welt die Strahlen ihres Wirkens zu senden, ist, wenn wir sie bewußt leben, etwas ungeheuer Bedeutungsvolles.
Cite:
GA 168/1916-12-03/p028 · edition original