Blut und Nerven
In der Geisteswissenschaft betrachten wir alles Materielle, alles Stoffliche als eine Offenbarung des Geistigen. Es handelt sich aber immer darum, in welcher Weise im einzelnen dieses oder jenes Stoffliche als eine Offenbarung des Geistigen anzusehen ist. Denn mit dem allgemeinen Satz, alles Stoffliche sei eine Offenbarung des Geistigen, ist ja nichts gesagt, höchstens etwas, was für Bequemlinge eine leichte Philosophie ist. Für den, der ernsthaft nach Erkenntnis strebt, handelt es sich darum, immer beim einzelnen Stofflichen, das in der Welt auftritt, zu erkennen, wie es eine Offenbarung des Geistigen ist. Nun wissen wir Ja, daß ein uralter, aber gleichwohl immer neuer Satz den Menschen einen Mikrokosmos nennt. Der Mensch tritt uns ja zunächst als stoffliche Erscheinung hier in der physischen Welt entgegen, und wenn wir Ernst machen mit diesem Satz vom Menschen als einem Mikrokosmos, als einem stofflichen Wesen, das so, wie es uns entgegentritt, die Geheimnisse des ganzen Kosmos enthält, so muß es uns ganz besonders wertvoll sein, gerade dieses stoffliche Wesen, als welches uns der Mensch zunächst in der physischen Welt entgegentritt, daraufhin zu prüfen, inwiefern es eine Offenbarung des Geistigen ist. Und wenn man das Stoffliche des Menschen ins Auge faßt, dann offenbart sich für denjenigen, welcher denkend - und denken muß) man schon einmal, wenn man nach Erkenntnis strebt - sich an das Stoffliche des Menschen macht, daß in der menschlichen stofflichen Wesenheit zwei ganz verschiedene Stoffesarten vorhanden sind. Schon für das gewöhnliche denkende Betrachten zeigt sich, daß da zwei verschiedene Stoffesarten vorhanden sind, denn grundverschieden treten diese zwei, sagen wir, Arten des Stofflichen am Menschenstoffeswesen auf: die Blutsubstanz, der Blutstoff und der Nervenstoff. Gewiß, Sie können sagen, es gibt allerlei andere Stoffe für eine äußerliche Betrachtungsweise: Muskelstoff, Knochenstoff und so weiter. Aber Sie wissen ja vielleicht, daß diese im Grunde genommen alle aus dem Blute heraus gebildet sind. Und wenn man sie genauer kennenlernt, so lernt man sie ja auch in ihrer Entstehungsweise aus dem Blute kennen, und es widerspricht dieses nicht der Tatsache, daß man es bei der menschlichen stofflichen Natur zu tun hat mit der Blutsubstanz, mit dem Blutstoff und mit dem Nervenstoff.
Cite:
GA 169/1916-06-13/p003 · edition original