Blut und Nerven
Sie können insofern schon äußerlich in der denkenden Betrachtung einen Unterschied finden zwischen dem Blutstoff und dem Nervenstoff, als Sie sich ja bloß zu überlegen brauchen, wie alles dasjenige, was zum Blute gehört, gewissermaßen von innen heraus sich an den stofflichen Vorgängen des menschlichen Organismus beteiligt. Das Blut wird allerdings durch den Einfluß von außen, aber doch im Innern des Menschen erzeugt, und erzeugt wiederum weiter, was eben für das stoffliche Dasein des Menschen notwendig ist. Dagegen zeigen sich Ihnen gerade die wichtigsten Nerven als Fortsetzungen der Sinne. Wenn Sie das Auge nehmen, so werden Sie nach rückwärts gehend als Fortsetzung des Auges den Augennerv, den Sehnerv finden, der sich dann einsenkt in die weitere Nervensubstanz des Gehirns. Und so sind im Grunde genommen alle Nerven gewissermaßen Fortsetzungen der Sinnesorgane. Die Prozesse, die sich in ihnen abspielen, spielen sich mehr oder weniger durch äußeren Einfluß ab, durch dasjenige, was von außen auf den Menschen wirkt. Man könnte sagen: Wie man in der äußeren Welt die beiden Magnetpole hat, wie man positive und negative Elektrizität hat, so haben wir wirklich in der Blutsubstanz und in der Nervensubstanz zwei Pole der menschlichen physischen Wesenheit. Und sie sind innerlich sehr, sehr verschieden, diese beiden Stoffarten, Blutstoff und Nervenstoff. Wenn man allerdings so nach den Methoden der heutigen Anatomie und Physiologie auf dem Seziertisch den Menschen untersucht, so legt man hübsch nebeneinander dasjenige, was aus dem Blut direkt stammt und dasjenige, was seinen Aufbau von außen erhält, die Nervensubstanz; und es erscheint Substanz neben Substanz. Aber sie sind doch grundverschieden voneinander. Und wenn man das Leben verfolgt, wie es sich entwickelt nach und nach, dann zeigt sich schon auch der große, bedeutsame Unterschied im Blutstoff und im Nervenstoff, und wir könnten vieles anführen aus der allermodernsten Anatomie und Physiologie, wenn wir diesen Unterschied, diesen polarischen Gegensatz näher begründen wollten. Das aber soll jetzt unterlassen werden. Wir wollen mehr auf die geisteswissenschaftliche Seite der Frage eingehen.
Cite:
GA 169/1916-06-13/p004 · edition original