Blut und Nerven
Wenn nun derjenige, der geisteswissenschaftlich diese Sache untersucht, seinen Blick wirft einerseits auf die Blutsubstanz, anderseits auf die Nervensubstanz, so zeigt sich ihm gerade dann ein gewaltiger Unterschied zwischen den beiden Substanzen. Die Nervensubstanz ist durchaus dasjenige, was am Menschen nicht irdisch ist. Die Blutsubstanz ist durchaus dasjenige, was am Menschen irdisch ist. Die Nervensubstanz hat ganz ihren Ursprung, ihren Prozeß-Ursprung, in Vorgängen, die vor der Bildung der Erde liegen. Die Blutsubstanz mit allem, was in ihr wallt und webt, hat ganz den Ursprung in irdischen Vorgängen. Man könnte sagen, unsere Nervensubstanz ist so, daß sie eigentlich ganz und gar nicht von dieser Erde ist, sie ist in uns eingewoben als ein Kosmisches, ein Außerirdisches, sie ist verwandt mit dem Kosmos. Das Blut ist ganz und gar verwandt mit dem Irdischen. Nun ist aber unsere Nervensubstanz in das Irdische hereinversetzt, sie existiert hier im Irdischen, denn wir Menschen als stoffliche Wesen gehen auf der physischen Erde herum. Wir tragen alle in unserer Nervensubstanz etwas in uns, das eigentlich außerirdischen Ursprungs und auf die Erde versetzt ist. Das ist eine außerordentlich wichtige Tatsache. Denn unsere Nervensubstanz ist eigentlich so, wie sie in uns lagert, tot. Daher brauchen Sie auch nur das nächstbeste der gewöhnlichen gegenwärtigen Bücher über Physiologie oder Anatomie aufzuschlagen und Sie werden sehen, daß die Nervensubstanz als Substanz das Haltbarste im Menschen ist, das Unveränderlichste, dasjenige, welches in derselben Weise wie die Blutsubstanz am wenigsten unmittelbar mechanischen, äußeren Einflüssen unterliegt. Es unterliegt den Einflüssen der Sinnesempfindungen, aber nicht unmittelbar mechanischen Einflüssen. Das alles kommt davon her, daß unsere Nervensubstanz ihrem Ursprung nach eine lebende Substanz ist; aber dadurch, daß wir sie als Erdenmenschen in uns tragen, ist sie tot. Man könnte sagen — wenn das nicht paradox wäre, aber es ist, trotzdem es paradox ist, richtig im geistigen Sinne — : Wenn man Nervensubstanz nehmen könnte und sie hinauftragen bis dahin, wo die Erdenkräfte nicht mehr wirken, so würde Nervensubstanz ein wunderbar lebendiges, vibrierendes Wesen sein! Diese Nervensubstanz ist zum Leben angelegt gewissermaßen im Himmel, in allem Außerirdischen, und sie stirbt ab zu dem Grade des Totseins, in dem sie in unserem Organismus ist, dadurch, daß sie in die Sphäre des Irdischen hereingebracht wird. Das ist etwas höchst Merkwürdiges. Wir tragen in uns diese Nervensubstanz, die eigentlich kosmisch lebendig und nur irdisch tot ist. Wie gesagt, würde man ein Stückchen Nervensubstanz nehmen und hinauftragen da, wo die Erde nicht mehr hinwirkt, so würde man eine wunderbare, lebende, leuchtende Substanz haben, die sogleich wiederum überginge in diesen ruhigen, leblosen Zustand, in dem sie in uns lagert, wenn sie in die Erdensphäre hereingebracht wird. Wir haben es also in unserer Nervensubstanz mit einem Kosmisch-Lebendigen und Irdisch-Toten zu tun.
Cite:
GA 169/1916-06-13/p006 · edition original