Blut und Nerven
Sehen Sie, die Menschen tragen diesen Gegensatz einmal in sich, und dieser Gegensatz spricht sich in der verschiedensten Weise aus. Da gibt es zum Beispiel eine äußere Wissenschaft, die jetzt in der Naturwissenschaft gewissermaßen ihren Abschluß, ihre Zielsetzung gefunden hat. Die Naturwissenschaft spricht von der Welt als aus Atomen aufgebaut. Diese Atome, von denen die Naturwissenschaft spricht, sind reine Phantasie. Sie sind draußen nirgends. Warum spricht aber der Mensch doch von Atomen? Weil er in sich sein Nervensystem aus lauter Kügelchen gebaut hat, und das projiziert er hinaus. Die atomistische Welt draußen ist nichts anderes als das hinausprojizierte Nervensystem. Der Mensch selbst verlegt sich hinaus in die Welt, denkt sie sich aus Atomen zusammengesetzt, sein Nervensystem selbst aus den einzelnen Ganglien-Kügelchen zusammengesetzt. Daher wird die Wissenschaft immer atomistisch sein wollen, denn sie kommt aus der Nervensubstanz. Der Wissenschaft steht gegenüber alles dasjenige, was Mystik, was Religion und so weiter ist, was aus dem Blut kommt. Das will nicht Atomistik, das will überall die Einheit sehen. Diese beiden Gegensätze streiten sich in der Welt. Man ist erst aufgeklärt über diesen Streit, wenn man weiß, daß das der innere Streit in der menschlichen Natur zwischen Nervensubstanz und Blutsubstanz ist. Es gäbe keinen Streit in der Welt zwischen Wissenschaft und Religion, wenn nicht in der Menschennatur der Streit wäre zwischen Nervensubstanz und Blutsubstanz.
Cite:
GA 169/1916-06-13/p012 · edition original