Blut und Nerven
Den Ausgleich findet man dadurch, daß man in der richtigen Art sich vereinigen kann mit demjenigen, was als das Christus-Wesen die Erde durchpulst seit dem Mysterium von Golgatha. Jede Empfindung, jedes Erlebnis, das wir haben können in Anknüpfung an dieses Mysterium von Golgatha, trägt zum Ausgleich bei. Die Menschen sind heute noch nicht sehr weit in bezug auf diese Ausgleichung, aber das Streben muß dahin gehen. Wir selbst in unserem Kreise finden sehr häufig, wie der charakterisierte Gegensatz nach der einen oder nach der anderen Richtung sich ausprägt. Viele sind unter uns, die hören sich die Lehren der Anthroposophie an und nehmen sie wie eine äußere Wissenschaft, so daß sich in den Köpfen von vielen Anthroposophie gewissermaßen nicht unterscheidet von äußerer Wissenschaft. Aber Anthroposophie ist erst dann in richtigem Sinn verstanden, wenn sie nicht bloß mit dem Kopf aufgefaßt wird, sondern wenn sie uns in jeder ihrer Äußerungen Enthusiasmus gibt, wenn sie in uns so lebt, daß sie den Übergang findet von Nervensystem zu Blutsystem. Wenn wir uns erwärmen können für die Wahrheiten, die in der Anthroposophie enthalten sind, dann erst verstehen wir sie. Solange wir sie bloß abstrakt fassen, indem wir sie gewissermaßen studieren wie ein Einmaleins, ein Rechenbuch, ein Dienstreglement oder ein Kochbuch, so lange verstehen wir sie nicht. Ebensowenig verstehen wir sie, wenn wir diese Anthroposophie studieren wie die Chemie oder wie die Botanik. Wir verstehen sie erst, wenn sie uns warm macht, wenn sie uns erfüllt mit dem Leben, das in ihr waltet. Der Christus hat einmal gesagt: «Ich bin bei euch bis ans Ende der Erdentage.» Und er ist nicht bloß als ein Toter, er ist als ein Lebender unter uns und er offenbart sich immer. Und nur diejenigen, die so kurzsichtig sind, daß sie sich vor diesen Offenbarungen fürchten, sagen, man solle bei dem bleiben, was immer gegolten hat. Diejenigen aber, die nicht feige sind, wissen, daß der Christus sich immer offenbart. Deshalb dürfen wir dasjenige, was er als Anthroposophie offenbart, als eine wirkliche Christus-Offenbarung aufnehmen. — Oft, meine lieben Freunde, werde ich gefragt von unseren Mitgliedern: Wie setze ich mich in Verbindung mit dem Christus? — Es ist eine naive Frage! Denn alles, was wir anstreben können, jede Zeile, die wir lesen aus unserer anthroposophischen Wissenschaft, ist ein Sich-in-Beziehung-Setzen zu dem Christus. Wir tun gewissermaßen gar nichts anderes. Und derjenige, der nebenbei noch ein besonderes Sich-in-Beziehung-Setzen sucht, der drückt nur naiv aus, daß er eigentlich vermeiden möchte den etwas unbequemen Weg, etwas zu studieren oder etwas zu lesen.
Cite:
GA 169/1916-06-13/p013 · edition original