Blut und Nerven
Deshalb habe ich Ihnen durch eine Reihe von Betrachtungen gezeigt, wie weit unsere Zeit entfernt ist von einer solchen geistgemäfen Auffassung der Welt. Noch das letztemal zeigte ich Ihnen an einem besonderen Beispiel, wie es selbst einem, der gestrebt hat nach dem Geistigen, Hermann Bahr, jetzt nur gelungen ist, nachdem er über fünfzig Jahre alt geworden ist, das allerelementarste Sich-Nähern an den Geist zu erreichen, während groteske Erscheinungen gewissermaßen unser geistiges Leben beherrschen, wie jener Philosophie-Professor in Czernowitz, von dem ich Ihnen einen Ausspruch vorgelesen habe. Damit er uns ja nicht entfalle, will ich Ihnen diesen Ausspruch doch noch einmal vorlesen: «Wir haben nicht mehr Philosophie als ein Tier, und nur die rasenden Versuche, zu einer Philosophie zu kommen, und die endliche Ergebung in Nichtwissen unterscheiden uns von dem Tiere.» — Das ist die Quintessenz dieser Philosophie, aber Philosophie kann man es ja nicht nennen, denn «der Mensch hat nicht mehr Philosophie als ein Tier», nach dem Ausspruch dieses Philosophie-Professors. Das heißt, wir sind heute so weit, daß es regelrecht angestellte Professoren der Philosophie gibt, die sich zur Aufgabe machen, Philosophie als lächerlichen Unsinn hinzustellen. Hier bemerkt man es, wenn einer gerade so weit geht. Die meisten anderen Philosophen tun es ja auch, aber sie lassen es sich nicht so anmerken. Und die Wahrheit gilt nicht nur für Philosophen, sie gilt auch für andere Menschen, die so viel von ihrer Aufgabe verstehen, wie dieser Philosoph von seiner Philosophie, daß sie so viel ruinieren von dem, wofür sie angestellt sind, wie dieser Philosoph von der Philosophie ruiniert. Aber sonst bemerkt man es nicht so, wenn man es nicht gerade so zynisch auf dem Präsentierteller den Menschen vorhält wie dieser, zur Vernichtung der Philosophie als Professor der Philosophie angestellte Philosoph, Richard Wahle.
Cite:
GA 169/1916-06-13/p016 · edition original