Blut und Nerven
Aber man muß sich ganz klar darüber sein, wie weit entfernt im Grunde genommen die Gegenwart ist von einem unbefangenen Hinnehmen dieser Dinge. Die Gegenwart - ich habe es oft gesagt - ist ja so autoritätsgläubig wie nur irgend etwas. Sie sieht sich dann nicht an, was, sagen wir, hinter den Autoritäten steht. Die Autoritäten werden heute bemessen nach den Titeln und Ämtern, die sie haben, aber was dahinter steht, darauf kommt es ja an. Ich möchte Ihnen doch ein nettes Beispiel, das vor kurzem erzählt worden ist, geben, wie weit vorgeschritten in unserer Zeit der Homunkulismus schon ist, wie weit vorgeschritten das Denken in der reinen Äußerlichkeit ist. Da führt ein Mann ganz nett und gutmeinend - er ist gegen den Homunkulismus, wenn er auch nicht weiß, was er an die Stelle des Homunkulismus setzen soll - einen interessanten Beleg an für dasjenige, was die Homunkulusse unserer Zeit für das eigentlich Große, Bedeutende halten. Es gibt ja heute schon viele, die als ihren Gott die Technik verehren; ich habe Ihnen besondere Beispiele vor einigen Wochen hier angeführt. Als Beleg aber, wie mächtig die Überzeugung von der Gottheit der Technik schon war, möge folgende Ungeheuerlichkeit angeführt werden, der ungeheuerliche Ausspruch eines ernsten Mannes gesetzten Alters, eines Arztes und Familienvaters, der - das wird uns alles gesagt - in nichts hervorragt oder vertieft ist, welcher also alle Bedingungen hat, um ein Urteil von der soliden Marke des gesunden Menschenverstandes abzugeben. Als die Welt der Zeitungen vor dem Kriege durch den kühnen Flug des französischen Aviatikers Pégoud in tiefes Staunen versetzt wurde, sagte jener Mann, der also ein Urteil ganz im Stile der Zeit gab, denn er ist «Arzt, Familienvater und in nichts hervorragend», hat daher alle Bedingungen zu einem soliden und gesunden Menschenverstand, über den Kulturwert der Flugmaschine ganz ernst und mit festem Pathos: «Eine Schraube vom Flugapparat von Pégoud ist wichtiger als alle Philosophie von Kant und Schiller, und wenn ihr wollt, als alle Philosophien aller Zeiten.» Glauben Sie nicht, daß dies ein so seltener Ausspruch ist! Das ist schon dasjenige, was heute viele beherrscht als Gesinnung, und was sich immer mehr und mehr als Gesinnung herausarbeitet.
Cite:
GA 169/1916-06-13/p022 · edition original