Blut und Nerven
Man machte ja schon längst so seine Beobachtungen auf diesem Gebiete. Es ist jetzt schon mehr als zwanzig Jahre her, ich hatte eine Reihe von öffentlichen Vorträgen gehalten, da lud mich auch eine Dame ein, ich solle in ihrem Salon Vorträge halten über Goethe. Das habe ich auch dazumal getan, denn sie hat aus ihrem Kreise ein ganz großes Publikum zusammengebracht. Da sprach ich über Goethes «Faust» und einige andere Goethesche Dramen. Bei den Frauen ging es noch, aber die Männer haben meistens gesagt: Das ist ja nicht Dramatik, das ist eine Wissenschaft, der «Faust»! — Sie meinten nämlich, im Theater solle man Blumenthal sehen und nicht Goethes «Faust». — Ja, es ist schon so, daß man in der Gegenwart den Dingen zusteuert, die schließlich gipfeln in einem solchen Urteile, wie das Ihnen eben vorgelesene. Sehen Sie, jetzt geht ja manches schnell. So sind auch diese Memoiren - nicht Selbstgeschriebenes, sondern so Nachgeschriebenes von einem anderen, man kann es nicht gut Memoiren nennen — von einem jüngst verstorbenen, weitberühmten, naturforscherischen Gelehrten erschienen. Es ist doch interessant, einen der Aussprüche dieses weltberühmten Mannes - ich mag gar nicht seinen Namen nennen, Sie würden staunen, was für ein weltberühmter Mann das ist - sich vor die Seele zu führen. Der Mann war also, wie gesagt, einer der berühmtesten Menschen der Gegenwart, groß in seinem Fach, und diese Größe soll ihm selbstverständlich in keiner Weise bestritten werden. Aber einer seiner Aussprüche ist: «Philosophie geht mich nichts an. Es ist mir ganz gleich, ob sich die Sonne um die Erde, oder die Erde um die Sonne bewegt. Das würde mich nur interessieren, wenn ich mich mit Astronomie beschäftigte.» — Es ist ein Mann, der der Welt ein medizinisches Präparat übergeben hat, von dem alle Welt redet, der sich mit nichts befaßt hat, als mit diesem engsten Kreise, und der ruhig gesteht, es interessiere ihn nicht weiter, ob die Erde sich um die Sonne, oder die Sonne sich um die Erde bewege; damit würde er sich nur beschäftigen, wenn er Astronom wäre. Es ist derselbe Mann - es ist mir wahrhaftig nicht darum zu tun, irgend jemanden anzuschwärzen oder über irgend jemanden zu schimpfen, denn es ist ein zweifellos mit Berechtigung berühmter Mann auf seinem Gebiete -, der sich abends Klavier vorspielen ließ, aber die Musik so auffaßte, daß man durch sie «abgezogen» wird und sich daher besser im Denken konzentrieren kann, so daß man eigentlich nichts von ihr hört. So ließ er sich jeden Abend Musik von seiner Frau vorspielen auf dem Klavier. Er verstand gar nichts davon, es war ihm nur angenehm, daß er so abgezogen wurde. Nur sonnabends ließ er sich nicht vorspielen, denn da wartete er auf Wichtigeres. Da kam nämlich immer dasjenige, auf das er besonders brennend wartete: ein Detektivroman, ein ganz schauerlicher, in einem furchtbaren Einband. Und den las er mit ganz besonderem Behagen. Das war ihm noch lieber als das Klavierspiel, darum ließ er sich sonnabends nichts vorspielen. Ein Detektivroman, nicht wahr, wie sie so durch Kolporteure kommen - sie kommen gewöhnlich auf der anderen Seite der Treppe, nicht durchs Vorderhaus! Wie gesagt, es ist das nicht vorgebracht, um über jemanden zu schimpfen, sondern um zu zeigen, wie diese unsere Zeit beschaffen ist. Und wir müssen doch bedenken: Diese Autoritäten stehen hinter den Laboratoriumstischen, hinter den Seziertischen, von diesem Geiste beseelt ist schließlich dasjenige, was ja selbstverständlich äußerlich verdienstvoll sein kann, was aber dazu führen muß, daß allmählich unsere ganze Kultur, nicht nur unsere geistige, sondern unsere ganze Kultur, in Technizismus, das heißt in Homunkulismus übergeht. Diese Gefahr muß man erkennen, und man muß aus dieser Erkenntnis heraus versuchen, die Wege zu finden, durch die der Geist an die Menschen herankommen kann. Wirklich nicht aus subjektiver Voreingenommenheit für die Geisteswissenschaft, sondern aus der Erkenntnis ihrer notwendigen Bedeutung für die Gegenwart sind die Dinge gesagt, die im Laufe dieses Winters gerade hier gesagt worden sind, von denen ich glaube, daß es gut ist, wenn sie in einige Seelen eindringen.
Cite:
GA 169/1916-06-13/p023 · edition original