Die Wechselwirkungen zwischen den Gliedern des menschlichen Organismus
Deshalb bitte ich Sie recht sehr, gerade in dem neuen Buche, das in einiger Zeit erscheinen wird, «Vom Menschenrätsel», zu beachten, was dort gesagt ist über den Begriff des Wirklichen. Wir müssen den Begriff des Wirklichen entwickeln, nicht bloß den Begriff des Logischen. Wenn ich einen Kristall vor mir habe und ihn als Kristall betrachte, so ist er eine in sich abgeschlossene Wirklichkeit. Der Kristall sagt mir die Wahrheit über sich, wenn ich ihn als Kristall betrachte. Aber nehmen Sie einen Baumstamm, dessen Zweige abgeschnitten sind, dessen Wurzel abgeschnitten ist! Sagt der auch über sich die Wahrheit? Nein, der lügt mich an, so wie er in der Sinnlichkeit da ist, denn so kann er nicht sein! Dieser Baumstamm könnte nicht sein, wenn er sich nicht im Zusammenhang mit einer Wurzel und mit Zweigen und Blättern entwickelte; das gehört auch zu dem abgeschnittenen Baumstamm dazu, und ich habe nur eine Wahrheit, wenn ich den ganzen Baum vorstelle. Da habe ich etwas aus der Sinnlichkeit herausgeschnitten. Aber dieses Herausgeschnittene ist keine Wirklichkeit. Wirklichkeitsgemäßes Denken muß überall ein Gefühl dafür entwickeln, was man einschließen muß in die Vorstellung. Nur wenn man ein Gefühl davon hat, daß ein Blatt nichts Wirkliches ist, weil es nur im Zusammenhang mit einer Pflanze gedacht werden kann - es ist etwas anderes, ob ich ein Blatt finde oder ob ich einen Kristall finde —, nur wenn ich diesen Wirklichkeitssinn entwickele, bin ich vorbereitet dazu, auch zu den geistigen Wirklichkeiten in der richtigen Weise aufzusteigen. Logisch kann manches sein; wirklichkeitsgemäß ist etwas anderes! Da handelt es sich darum, daß man den Sinn für die Wirklichkeit entwickelt. Man kann sehr leicht Fehler machen in bezug auf diesen Sinn des Wirklichen. Wenn ich ein Bild anschaue, das dadurch entstanden ist, daß eine einzige Figur aus einem Ganzen herausgeschnitten ist, so ist das nichts Wirkliches, denn das ganze Bild muß ich ansehen. Wenn nun einer sagt: Ja, dann mußt du aber überhaupt, weil dieses Bild sich ergibt aus früheren Bildern, die derselbe Maler und andere Maler gemalt haben, die ganze Kunstgeschichte überblicken. - Das wäre wiederum Unsinn. Man muß eben diesen Wirklichkeitssinn entwickeln, daß es in sich abgeschlossene Realitäten gibt. Sonst würde «wirklich» überhaupt nur dasjenige sein, was das ganze Weltenall ist. Das also bitte ich Sie ganz besonders zu beachten in der Schrift, die demnächst erscheinen wird: «Vom Menschenrätsel».
Cite:
GA 169/1916-06-27/p023 · edition original