{"corpus":"steiner","locus":"GA 169/1916-07-04/p017","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Hier ist es nur sehr auffällig, aber viele Dichtungen, bei denen man es weniger stark merkt in der Gegenwart, sind genauso, und viele Begriffe, die gebildet werden, sind ganz genauso, wie die «rege Einsamkeit» der Friederike Kempner; denn man hat oft kein Gefühl dafür, wie sehr das Eigenschaftswort dem Hauptwort widerspricht, wenn man heute redet oder schreibt. Es müssen diese Dinge schon ins Auge gefaßt werden, es geht nicht anders heute. Denn heute redet mancher so, daß er das Wort nicht nur wie eine Gebärde auffaßt, denn das ist ja das Wort nur. Sie wissen, ich habe hingewiesen darauf, wie tolpatschig solch eine Theorie ist wie die von Fritz Mauthner, der allerdings alle Philosophie und alle Weltanschauung zurückführen will auf bloße Wortbedeutungen, und dann sowohl drei dicke Bände geschrieben hat wie auch ein ganzes Lexikon, zwei dicke Lexikonbände, in denen alphabetisch aufgereiht sind alle philosophischen Worte, aber kein einziger philosophischer Begriff. Da ist vollständig außer acht gelassen, daß das Wort sich zum Begriff wirklich so verhält wie eine Gebärde. Bei der Weltanschauung vergißt man das fortwährend. In der gemeinen Wirklichkeit, da kann man es nicht vergessen, denn man wird nicht leicht einen Tisch mit dem Worte Tisch verwechseln, und man wird nicht leicht denken, man müsse aus dem Worte Tisch heraus den Tisch kennenlernen. Aber bei der Philosophie, bei der Weltanschauung, tut man das fortwährend. Ich habe Ihnen gesagt, Fritz Mauthner sollte nur einmal kennenlernen, was man in Österreich einen «böhmischen Hofrat» nennt; dann würde er in sein Wörterbuch «böhmisch» einsetzen und alles mögliche folgern, und dann «Hofrat» und würde wieder alles mögliche folgern. Nun ist aber ein «böhmischer Hofrat» weder ein Böhme, noch ein Hofrat, sondern er kann ein steirischer Kanzleidiener sein. Es ist alles ein «böhmischer Hofrat» in Österreich, was so mit gewissen Schuhen, die nicht stärker auftreten wie die Pantoffeln, und mit Händen, die so den Nebenbuhler, aber ohne daß er es merkt, beiseite schieben, sich vorwärts bringt. Das nennt man einen «böhmischen Hofrat». Er braucht, wie gesagt, durchaus kein Böhme und kein Hofrat zu sein. Man kann aus dem Wort durchaus nichts gewinnen, es ist nur eine Gebärde. Die Gebärde tritt hier nur radikaler hervor, aber es ist so mit allen unseren Worten. Wir müssen uns klar sein, die Worte sind Gebärden: Der Kehlkopf macht die Gebärde, und die Gebärde wird hörbar durch die Luft, geradeso, wie die Hand eine Gebärde macht, oder mein Arm eine Gebärde macht, die nur nicht hörbar wird, weil sie zu langsam ist. Der Kehlkopf macht die Gebärde so rasch, daß sie hörbar wird. Der ganze Unterschied liegt nur in der Schnelligkeit des Kehlkopfes. Und ebensowenig, wie man recht tut, wenn einer auf den Tisch zeigt, seine Armbewegung zu beschreiben statt des Tisches, den er meint, ebensowenig tut man recht, wenn man das Wort benutzt, um irgend etwas für den Begriff, für die Sache, auch auf geistigem Gebiete zu erhalten. Diese Fehler werden aber heute immer gemacht. Die Leute legen sich ganz in die Worte. Sehen Sie, ich habe mir, als ich ein junger Mann war - nein, noch nicht ein junger Mann, ein Knabe, als ich in Wiener-Neustadt in Nieder-Österreich auf der Schule war -, einen Spruch gut gemerkt, der mich davor bewahrt hat, auf Definitionen, auf Worterklärungen überhaupt in der Welt besonders viel zu geben. Dieser Spruch stand auf einem Hause so als Hausspruch angeschrieben, und lautete:","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Lebensgleichgewicht","site_heading":null,"date":"1916-07-04","location":null,"word_count":558,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/169/1916-07-04/p017","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/169/1916-07-04/p017"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/169/1916-07-04/p017"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}