Sechster Vortrag
Durch dieses, was der Mensch als seine Weisheit erwirbt, und worin die Menschen eigentlich gar nicht so sehr verschieden sind, wallt und webt eben als Kraft dasjenige, was unseren Organismus umwandelt in einen Kopf beim Durchgang durch die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es ist im Grunde ein recht kompliziertes Gebilde, was wir da in uns aufnehmen mit unserem Vorstellungsmäßigen, mit unserem Erkenntnismäßigen. Und dem Menschen wird nur zuweilen in solchen Träumen, wie ich es Ihnen gestern am Schlusse von einem polnischen Dichter angeführt habe, leise etwas gezeigt von dem, was wallt und webt gewissermaßen zwischen den Vorstellungen, derer wir uns vollständig bewußt werden. Aber das, was da wallt und webt, das wirkt eben in uns, um nach dem Tode in Aktualität überzutreten und unseren Organismus umzuwandeln. Es sammelt sich alles, was durch Erkenntnis gewonnen wird, an, um unseren Organismus umzuwandeln, mit Ausnahme dessen, was wir verwenden, um die äußere Welt aufzufassen. Was wir verwenden, um im gewöhnlichen Sinne die äußere Welt aufzufassen, das geht in einer gewissen Weise verloren für unsere Entwickelung, das entziehen wir unserer Entwickelung. Geradeso, wie wir dem totalen Fortentwickelungsprozeß des Weizens alle die Weizenkörner entziehen — es sind viel mehr als diejenigen, die wieder in die Erde gestreut werden -, die wir als Nahrungsmittel verwenden, so entziehen wir uns tatsächlich auch recht viel mehr, namentlich in der gegenwärtigen Entwickelungsperiode der Menschheit, als wir behalten, indem wir Äußeres uns aneignen. Denken wir zurück an ältere Zeiten, in denen die Menschen noch mehr durch innere hellseherische Wissenschaft das wußten, was sie eben wußten. Die gaben sich nicht so aus nach der äußeren Welt. Solch eine Bevölkerung wie die alte ägyptische, die alte chaldäische, hat das, was sie gewußt hat, durch atavistisches Hellsehen gewußt, und wenig nur durch die äußere Entwickelung. Heute leben wir in einer Zeit, die gewissermaßen in dieser Beziehung entgegengesetzt ist. Heute wird viel von außen herein aufgenommen und wenig vom Innern der Entwickelung hinzugefügt. Die Griechen hielten jene wunderschöne Mitte einer gewissen Kulturentwickelung, die nicht allein dadurch bedingt war, daß diese Griechen so besonders veranlagt waren. Das waren sie ja gewiß, aber damit allein ist es nicht getan. Sie verdanken diese Geschlossenheit ihrer ganzen Kultur auch dem Umstande, daß die Erdenfläche, die das griechische Volk einnahm, eine verhältnismäßig kleine war, auch in bezug auf die Kenntnisse der übrigen Erde. Was wußten die Griechen viel von anderem als von Kleinasien, nach Asien hin, was wußten sie viel von Afrika, von Amerika schon gar nichts; von einem großen Teil von Europa wußten sie auch nichts. Daß Plato noch ein Wissen haben konnte von der Moralität, von der Sophrosyne, der Dikaiosyne, das ist vielfach dem Umstande zu verdanken, daß der Schauplatz, den die griechische Erkenntnis äußerlich umspannte, ein kleiner war. Daher war es noch möglich, viele von den Weisheits-Geisteskräften für die innere Entwickelung zu behalten. Aber sie verwendeten schon weniger für die innere Entwickelung als etwa die alten Ägypter oder Chaldäer, oder gar die alten Perser oder die alten Inder. In unserer Zeit, wo nach und nach die ganze Erde erforscht und zugänglich geworden ist, da suchen die Menschen möglichst viel an äußeren Erkenntnissen zu erwerben. Wie hat das zugenommen! Wenn es so intensiv wäre, wie es extensiv ist, dann würden die Menschen unendlich wenig, und gerade die Gebildetsten viel, viel weniger als irgendein Bauer mitnehmen, um den physischen Leib umzuwandeln in den physischen Kopf der nächsten Inkarnation. Aber Gott sei Dank, die meisten sind ja so gereist, daß sie nicht viel angeschaut haben, sondern daß sie fein nach dem Baedeker oder anderen Reisebüchern gegangen sind, und trotz des großen Umkreises doch nicht viel kennengelernt haben; so entziehen sie sich doch nicht alles. Sonst würde gerade bei denen, die überall nach Sensationen haschen, die nur alles, was sie wissen, von außen wissen wollen, die Gefahr vorliegen, daß sie in der nächsten Inkarnation mit einem Kopf zur Welt kämen, der recht wenig umgestalteter übriger Leib sein wird, das heißt, der sehr tierisch aussehen würde; denn das würde das Schicksal sein, wenn wenig Bildekräfte angesammelt würden.
Cite:
GA 170/1916-08-07/p008 · edition original