Zwolfter Vortrag
Nehmen Sie das, was man aus der heutigen materialistischen Kultur der fünften nachatlantischen Zeit zu sagen hat über die Zukunft der Menschheit, über das, was der Mensch tun soll! Schön ist ja gewiß vieles. Ich will durchaus nicht tadeln, nicht kritisieren, was da gesagt wird. Aber es ist halt doch ein Suchen von Abstraktionen! Die sittlichen Ideale, die nationalökonomischen Ideale, allerlei andere Ideale, es sind Abstraktionen. Vergleichen Sie das, was da an Abstraktionen gegeben wird für das, was als ein menschlicher Impuls da sein soll in der Zukunft, mit dem Lebendigen, von dem der Mensch wissen kann aus der Geisteswissenschaft heraus, daß es geschehen soll in der Welt! Nehmen Sie, was man verstehen kann dadurch, daß man weiß: zu der Hierarchie der Angeloi wird man in diese Beziehung treten, die wird diese Aufgabe einen erfüllen lassen, dadurch wird die Welt diese und jene Gestaltung haben und so weiter. Versuchen Sie, das sich zusammenzustellen, was Sie in den verschiedenen Zyklen finden über die Art, wie die Menschheit in der Zukunft sich entwickelt, was sie positiv tun wird. Vergleichen Sie das mit den abstrakten Moral-Idealen, die sonst aufgestellt werden, so werden Sie den Unterschied zwischen dem Lebendigen haben und demjenigen, was bloß tot, abstrakt ist. Aber dieses Lebendige wird man brauchen, das Bewußtsein, daß die Welt nicht bloß so dasteht: Mineralien, Pflanzen, Tiere und der Mensch, und der Mensch macht sich so allerlei Ideale, nach denen er sich richtet, lauter Abstraktionen, nach denen sich die Welt bilden muß. Nein, sondern Mineralien, Pflanzen, Tiere, Mensch, Angeloi, Archangeloi und so weiter, wie ein lebendiges Kettenband geht es hinauf! Und aus diesem lebendigen Zusammenhang fließt wiederum das Lebendige, das einfließen soll in die Entwickelung der Menschheit. Ehe man nicht durch Geisteswissenschaft sich voll entfaltet zu einem Verständnis dieser Tatsache, wird es immer nur abstrakte Ideale geben. Gedanken - als ob Gedanken etwas Schöpferisches hätten, wenn diese Gedanken nicht die Gedanken sind der Angeloi, Archangeloi und so weiter! Dieses Sich-Aneignen des Bewußtseins, im lebendigen Zusammenhang zu stehen mit einem Weltsinn und Weltenziel, das wird kommen. Die Wahrheit wird moralischer werden, weil man moralische Verantwortlichkeit gegenüber der Wahrheit empfindet. Und die Sittlichkeit wird mehr zur weisheitsvollen Erkenntnis werden, weil man wissen wird, welchen Wesen man dient, indem man dies oder jenes verrichtet.
Cite:
GA 170/1916-08-27/p023 · edition original