Vierzehnter Vortrag

GA 170/1916-09-02/p004 ·1916-09-02 · original (original)
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Solche Wahrheiten muß man nur nicht so nehmen wie die Wahrheiten des gewöhnlichen Lebens oder der gewöhnlichen Wissenschaft, sondern man muß sie nehmen als Wahrheiten, die Bedeutungen in sich tragen, als Wahrheiten, die hinweisen auf große Zusammenhänge. Bezüglich der Wahrheiten im gewöhnlichen Leben beschreiben wir gewissermaßen uns und unsere Umgebung; bezüglich solcher Wahrheiten wie die angeführten lesen wir unsere Umgebung und uns selber im Weltenzusammenhange. Die Wahrheiten des gewöhnlichen Lebens und der gewöhnlichen Wissenschaft sind da wirklich so, wie wenn wir die Formen der einzelnen Buchstaben beschreiben, die auf einer Seite stehen, oder höchstens noch grammatikalisch die Gesetze erklären, wie sie sich zu Worten zusammenfügen. Dasjenige aber, was mit solchen Wahrheiten gemeint ist, wie die angeführten, das läßt sich vergleichen mit dem Lesen, ohne erst auf die Buchstabenformen eine besondere Beschreibung zu verwenden und auf das Grammatikalische zu sehen und darauf, wie sich diese Buchstabenformen zu Worten zusammenfügen. Denken Sie doch, wie ganz anders das aussieht, der Inhalt dessen, was wir lesen, und dasjenige, was auf der Seite für die Augen daraufsteht. So haben wir auch, wenn wir eine solche Wahrheit anführen wie die eben angeführte, nicht das, was wir nun aussagen, allein im Auge, sondern wir haben die ganze weittragende Bedeutung einer solchen Sache für die Stellung des Menschen im Weltenall im Auge. Wir lesen gewissermaßen dadurch tief lebendige geistige Wahrheiten, die nichts zu tun haben mit den Formen des Kopfes oder des Leibes, welche die Anatomie, die Physiologie studiert oder die man im gewöhnlichen Leben vor sich hat, wenn man von der menschlichen Form spricht. Den Menschen kann man eben nur verstehen, wenn man ihn nicht nur beschreibt, wie das gewöhnliche Leben und die Wissenschaft es tut, sondern wenn man ihn liest.

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Cite: GA 170/1916-09-02/p004 · edition original