{"corpus":"steiner","locus":"GA 171/1916-09-17/p029","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Dagegen können Sie im Osten Europas, in der östlichen Kultur zahlreiche Persönlichkeiten finden, die gar sehr leiden unter der luziferischen Störung, unter der Störung, die dahin geht, immer wieder und wiederum wegzuholen den Menschen von der Erde, von dem physischen Leib, immer wieder und wiederum zu verfallen in eine Lage, in eine Situation, die den ganzen Menschen wie in eine Vision von sich selber verwandelt, also ihn ganz zu verseelen. Das ist die Tendenz, die dem Osten Europas eingeimpft worden ist. Dem Westen Europas ist dafür viel mehr das Verspüren des Gezogenwerdens nach der anderen Seite eingeimpft worden, des Hingezogenwerdens der imaginativen Welt zu der Körperschwere, zu der physischen Schwere, um das, was freie Imagination werden soll, zu etwas zu machen, was nicht bloß in der Seele wirkt, sondern was im Organismus wirkt, was die Seele hineinstopft in den Organismus und dadurch den Organismus mitleben läßt an den Imaginationen. Man kann kaum prägnanter das, was ich da meine, ausdrücken, als es Alfred de Musset getan hat, um seinen eigenen Seelenzustand zu charakterisieren. Musset ist eine von denjenigen Persönlichkeiten, die imaginatives Leben in sich verspürten, aber die den Ansturm gegen dieses imaginative Leben fühlten, jenen Ansturm, der dahin ging, dieses imaginative Leben hineinzustopfen in die Körperlichkeit. Da drinnen wird dieses imaginative Leben, weil es dahin nicht gehört, weil es frei in der Seele schwebend sich entwickeln soll, von Erdenschwere und von all dem, was nur körperlich ist, ergriffen, während es seelisch verlaufen soll. «Elle et lui», das Buch, das George Sand aus ihren Beziehungen zu Musset geschrieben hat, das enthält gerade eine schöne Selbstbeschreibung des Seelenlebens Mussets, und einige Sätze möchte ich daraus mitteilen, aus denen Sie sehen werden, wie er selbst sich drinnenstehen fühlt in einem solchen angefochtenen imaginativen Leben. Es sagt Musset: «Die Schöpfung verwirrt mich und läßt mich erzittern. Die für meinen Wunsch stets zu langsame Ausführung erregt mir furchtbares Herzklopfen, und weinend, nur mit Mühe laute Schreie zurückhaltend, gebäre ich eine Idee - sie berauscht mich im Augenblicke, und am anderen Morgen ekelt sie mich an. Forme ich sie um, so wird es noch schlimmer, sie entschlüpft mir; besser ich vergesse sie und erwarte eine andere. Aber diese andere überkommt mich so verworren und so unermeßlich, daß mein armes Wesen sie nicht fassen kann. Sie drückt und quält mich, bis sie realisierbar geworden ist, und dann stellen sich die anderen Leiden, die Geburtswehen ein, wahrhaft physische Schmerzen, die ich nicht definieren kann. So vergeht mein Leben, wenn ich mich von diesem Riesenkünstler, der in mir ist» — nehmen Sie den Gegensatz zu Jakob Böhme, der den Gott in sich spürt; er einen Riesenkünstler, der in ihm ist — «beherrschen lasse. Es ist also besser, daß ich lebe, wie ich mir vorgenommen habe zu leben, daß ich Exzesse jeder Art begehe, um diesen nagenden Wurm zu töten, den andere bescheiden «Inspiration», den ich ganz offen «Krankheit nenne.»","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1916-09-17","location":null,"word_count":479,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/171/1916-09-17/p029","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/171/1916-09-17/p029"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/171/1916-09-17/p029","paragraph_aligned":true}],"translation_faults_against":[{"locus":"GA 171/1916-09-17/p039","lang":"en","edition":"English","translation":"Gilbert Church, Frédéric Kozlik and Stewart C. Easton (rsarchive AP1984)","kinds":["name_swap"],"note":"This sentence swaps the author. The German says that Elle et lui is the book George Sand wrote out of her relationship with Musset, and that it contains a fine self-description of Musset's soul life. The translation says 'In his book, Elle et Lui, which he was led to write from his relation with Georges Sand'.","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/171/1916-09-17/p039?edition=English"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}