Zweiter Vortrag
Da ist also nicht der Jesus als historische Figur die Hauptsache, sondern ein abstraktes Menschentum. Der Christus ist zur Idee geworden und diese Idee inkarniert sich durch die ganze Menschheit hindurch. Es ist das Destillierteste, was zunächst der Mensch im 19. Jahrhundert hat begreifen können: das Lebendige in der Idee zum Christus geworden, der Christus ganz als Idee begriffen und über den Jesus gewissermaßen hinweggeschritten! Ein «Leben Jesu», das kein Leben Jesu ist, sondern das ein Dokument sein soll dafür, daß die Idee, das Göttliche, in der ganzen Menschheit sich inkarniert, fortlaufend sich inkarniert. Der Christus in ideeller Verdünnung gedacht, ideell gedacht, das ist dieses zweite «Leben Jesu», das «Leben Jesu» von David Friedrich Strauß. So haben wir das «Leben Jesu» von Ernest Renan beschrieben als die historische Figur des Jesus zwischen den einzelnen und allein für sich, bei David Friedrich Strauß die Idee des Christus durch die ganze Menschheit durchgehend, aber etwas in destilliertem Abstrakten verbleibend.
Cite:
GA 171/1916-09-17/p039 · edition original