Dritter Vortrag

GA 171/1916-09-18/p004 ·1916-09-18 · original (original)
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Der moderne Mensch kann die besonderen Fähigkeiten, von denen gestern gesprochen worden ist, die freien Imaginationen im Denken und Handeln und das urphänomenale Verhalten zur Welt im Denken und Handeln sich nur aneignen, wenn über gewisse Vorgänge, die sich auch abspielen, ein Schleier gebreiter ist, wenn sie sich nicht so ohne weiteres enthüllen. Und so liegt es denn auch in der Notwendigkeit der Evolution des fünften nachatlantischen Zeitraumes, daß der Mensch gewisse Dinge, die sich abspielen, die gewissermaßen hereinschlagen aus untersinnlichen und übersinnlichen Welten in unsere sinnliche Welt, nicht versteht. Die wichtigsten Ereignisse, die sich vor unseren Augen um uns herum abspielen, versteht ja der moderne Mensch gar nicht. Er ist gewissermaßen davor geschützt, diese Ereignisse zu verstehen, weil er nur unter diesem Schutze die angedeuteten zwei Fähigkeiten gehörig entwickeln kann. Nur sind bis zu unserem Zeitpunkte so weit die Grundlagen geschaffen, daß es weiter nicht geht, in der Evolution vorzuschreiten, ohne daß in gewissen vorsichtigen Weisen und Arten doch auf diese Dinge hingedeutet werde. Der moderne Mensch, wie er so mit seiner Seele miterlebt nicht nur das, was um ihn geschieht, sondern das, was er selbst tut, was er selbst verrichtet, der moderne Mensch hat in seiner Seele gewissermaßen nur schwache Reflexe dessen, was eigentlich vorgeht, schwache Reflexe dessen, was treibt und quillt in der untersinnlichen Natur, die höchstens zuweilen in erschreckenden Traumbildern, aber da auch nur schwach, dem modernen Menschen heraufschauern. Was da geschieht, das weiß der moderne Mensch nicht. Auch vom Übersinnlichen weiß er im normalen Zustande wenig. Unter dem, was wir in der Seele erfahren als moderne Menschen, liegt gewissermaßen etwas, das man nicht anders bezeichnen kann denn als eruptive Kräfte. Es ist gerade so, als ob das, was der moderne Mensch in seiner Seele erlebt, so wäre, daß man es vergleichen könnte mit der Welt, die man erlebt, wenn man auf einem ganz vulkanischen Boden steht. Da kann es zunächst ganz beruhigend ausschauen; aber man braucht nur ein Papier in die Hand zu nehmen und es anzuzünden, so quillt überall der Rauch heraus! Und würde man in diesem Rauch auch noch sehen, was da unten quirlt und brodelt, so würde man wissen, auf welchem Boden man eigentlich steht. So ist es auch mit dem modernen Leben. Da beobachten wir im modernen Leben, daß Ernest Renan sein «Leben Jesu» schreibt. Wir sehen es so, wie wir sehen über einer Solfatara die Landschaft. Wir sehen das, was David Friedrich Strauß schreibt, und beschreiben es so, wie wir es gestern beschrieben haben — zahm. Wir sehen, was Solowjow schreibt; wir beschreiben es, wie wir es gestern beschrieben haben —- zahm. Das ist alles zahm beschrieben; das ist alles so beschrieben, daß wir noch nicht angefangen haben, ein Papierschnitzelchen anzuzünden und zu sehen, was alles unter dem Boden lebt und wirkt an eruptiven Trieben der Menschheit.

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Cite: GA 171/1916-09-18/p004 · edition original