Dritter Vortrag
Ich wollte Ihnen durch das heute Geschilderte andeuten, was da unten unter der Oberfläche brodelt und quillt. Und nun verlassen wir diese unterirdische Gegend und gehen wiederum zum Oberirdischen, ohne daß wir irgendwie gleich unmittelbar eine Gedankenverbindung hervorrufen wollen - die können wir später einmal hervorrufen — zwischen den beiden Reichen. Betrachten wir jetzt einmal die Frage: Wie ist denn dieses ausgezeichnete, genialische «Leben Jesu» von Ernest Renan geschrieben? Es ist so geschrieben, daß wir einen Jesus vor uns haben, der als ein Mensch über die Erde wandelt, wie ich es gestern beschrieben habe. Solch eine geniale Persönlichkeit wie Ernest Renan ist sich nicht bewußt, aus welchen Gründen heraus sie gerade ein solches «Leben Jesu» schreibt. Es ist so etwas aus ganz bestimmten Trieben heraus geschrieben; aber die Triebe bleiben im Unbewußten. Diese Triebe, aus denen Ernest Renans «Leben Jesu» geschrieben ist, man kann sie zusammenfassen als einen Grundtrieb, der bisher nur Gutes hervorgebracht hat, in gewissen Grenzen relativ Gutes; denn das «Leben Jesu» von Ernest Renan ist zum Beispiel in seiner Art ein ausgezeichnetes Werk. Aber vieles ist gemacht worden aus demselben Grundtrieb heraus. Ich habe nur das eine Erkenntnisbeispiel gewählt; man könnte auch Lebensbeispiele wählen, nur würde man da auf Gebiete kommen, welche die Menschen sehr irritieren. Aus dem Grundtriebe heraus, der zu etwas ganz Bestimmtem sich hinentwickeln will, ist so etwas geschrieben, aus dem Grundtrieb heraus, das, was sich als Mensch kundgibt, nur äußerlich anzuschauen, nur so anzuschauen, wie es sich äußerlich in die Welt hineinsteilt. Ich habe dieses Beispiel des «Lebens Jesu» aus dem Grunde gewählt, weil Ernest Renan aus diesem Grundtriebe heraus sich gerade an die geheiligteste Persönlichkeit der Menschheit heranmacht und diese aus diesem Grundtriebe heraus so schildert, daß sie nur als äußere Persönlichkeit vor uns steht.
Cite:
GA 171/1916-09-18/p019 · edition original