Vierter Vortrag

GA 171/1916-09-23/p003 ·1916-09-23 · original (original)
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Mit Rücksicht darauf, daß anläßlich der Generalversammlung des Johannesbau-Vereins Freunde anwesend sind, welche die letzten hier gehaltenen Vorträge nicht gehört haben, will ich nicht unmittelbar heute fortsetzen mit dem Thema, das jetzt schon durch eine längere Zeit uns beschäftigt hat. Ich will vielmehr in diesen Tagen Dinge besprechen, allerdings episodisch, die beitragen können zu weiterem Verständnisse des in den letzten Wochen hier Vorgebrachten, die aber aus sich selbst heraus, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, wiederum verständlich sein können. Nur kurz will ich skizzieren einen Hauptgedanken, der vorgebracht worden ist, und der ja aus dem ganzen Charakter unserer Geisteswissenschaft bis zu einem gewissen Grade verständlich ist. Nur wird er eben vertieft, wenn man zu seinem Verständnisse noch hinzunimmt die Tatsache, die wir in unseren verschiedenen letzten Betrachtungen anführen konnten. Es ist der Gedanke, daß alles dasjenige, was menschliche Geschichte ist, nur dann in seiner wahren Wirklichkeit betrachtet werden kann, wenn man hinter dieser menschlichen Geschichte die treibenden spirituellen Mächte kennenlernt in ihrer individuellen Gestalt, ebenso wie man ja die Natur nur kennenlernen kann, wenn man dasjenige, was wirkt und lebt hinter den Wahrnehmungen der Sinne, in seiner echten Gestalt kennenlernt. Wir haben ja nun schon öfter betont, daß Geisteswissenschaft sich zu dem, was man heute oftmals Wissenschaft nennt und womit man alles Wissenschaftliche umfassen will, so verhält, daß man sagen kann: Die heutige Wissenschaft, die Wissenschaft, die seit drei bis vier Jahrhunderten mit Recht und aus guten Gründen von der Menschheit getrieben wird, diese Wissenschaft gleicht der Beschreibung der einzelnen Buchstaben, die, sagen wir, auf einem Blatte gedruckt oder geschrieben sind; höchstens noch dem, was die grammatikalischen Regeln sind oder die Lautregeln, nach denen sich diese Buchstaben zu Worten gruppieren oder zu Sätzen zusammenfügen. Alles, was man Naturgesetze nennt, gleicht so den lautlichen oder den grammatikalischen Regeln. Wenn man also beginnen würde, anschauend zu beschreiben eine bedruckte oder beschriebene Seite, wenn man beschreiben würde: Da sehe ich zunächst etwas, einen Strich, einen Strich nach rechts oben gehend, einen Strich nach links unten gehend, und dann den nächsten Buchstaben beschreiben würde und höchstens noch die Regeln, wie die Sache der Lautlehre, der Grammatik angehören würde, so gleicht ein solches Verhalten zu einer beschriebenen oder bedruckten Seite dem, was man heute, und zwar für heute mit Recht, die Wissenschaft nennt. Aber unser Verhalten zu einer solchen beschriebenen oder bedruckten Seite wäre durchaus nicht der Sache angemessen, wenn wir nur stehen blieben bei einer solchen Anschauung, wie sie eben charakterisiert worden ist. Wir lesen und schreiten vor von dem bloßen Anschauen und Beschreiben desjenigen, was wir doch eigentlich einzig und allein von der bedruckten Seite vor uns haben, zu dem Sinn der Sache, den wir eben nur kennenlernen können, wenn wir vom Beschreiben des Augenscheines zu dem fortschreiten, was wir vermögen mit der beschriebenen oder bedruckten Seite anzufangen, wenn wir uns mit unserem eigenen Geiste und seinen Kräften in eine Beziehung setzen können durch dasjenige, was da bedruckt oder geschrieben ist, zu dem, von dem das ausgeht, was bedruckt oder geschrieben ist: zu dem Geiste, der in diesen kleinen Wesen, die wir als Druckbuchstaben kennen, waltet. So sucht Geisteswissenschaft, im Gegensatze zu der gewöhnlichen Wissenschaft, zu lesen, nicht bloß das Geschaute zu beschreiben, sondern zu lesen in den Tatsachen der Welt. Denn ebenso, wie sie uns zunächst in ihren Formen, die wir beschreiben können, in ihren Bewegungen, in ihrer inneren Gesetzmäßigkeit entgegentreten, die Tatsachen der Natur und die Tatsachen des geschichtlichen Werdens, so sind uns zugleich - in übertragenem Sinne natürlich ist das gemeint — diese Tatsachen der Natur und der Geschichte gewissermaßen Lettern, Buchstaben, die wir lesen können, wenn wir auf diesem Gebiete lesen lernen, aus denen sich uns enthüllt der Sinn des Daseins, der Sinn des Lebens, der Sinn aller menschlichen Tätigkeit, soweit dies den Menschen notwendig ist. So suchen wir den Sinn auch des geschichtlichen Werdens, suchen die konkreten Kräfte, die hinter diesem geschichtlichen Werden stehen und es gewissermaßen hervorzaubern aus sich, so wie der Schreiber aus seinen Gedanken hervorzaubert dasjenige, das wir nachher aus den toten Buchstaben der beschriebenen oder bedruckten Seiten lesen.

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