Vierter Vortrag
Solche Dinge würdigt man nur dann vollkommen, wenn man sie nicht bloß in ihren abstrakten Erkenntniswerten auf die Seele wirken läßt, sondern wenn man sie in ihrer tief moralischen Bedeutung nimmt, wenn sie gewissermaßen einen moralischen Eindruck auf die Seele machen. Denn es zeigt sich uns ja doch, daß zwar das, worinnen es die moderne Menschheit so herrlich weit gebracht hat, diese Menschheit wirklich auf eine gewisse Höhe, zu der sie kommen sollte, geführt hat, daß aber alle diese Kräfte nur geeignet sind, zu dem Toten zu führen. Nach und nach würde der Inhalt des menschlichen Seelenlebens nur auf das Tote gerichtet sein können. Für den, der den Werdegang der Menschheit empfinden kann, ist es ohne weiteres klar, wie tonangebende Strömungen des neueren Empfindens mehr oder weniger sogar zu einem Kultus des Toten führen, zu einer Anbetung des Toten; denn das, was angebetet wird in bezug auf die äußere materielle Naturordnung, in der es so herrlich weit gebracht worden ist, das ist doch auch nur ein Kultus des Toten. Warum wird man nun so ergriffen von den letzten Gesängen von Hamerlings «Homunkulus»? Weil, nachdem Hamerling in seinem «Homunkulus» gezeigt hat, wie die moderne Menschheit wirklich zu einer Art Homunkeltum hinzielt, er zeigt, was es gegenüber den großen kosmischen Geheimnissen bedeutet, daß der Mensch sich durch rein mechanische Kräfte erheben will über Erdenschwere. Der letzte Gesang in Hamerlings «Homunkulus» zeigt uns in einer Zeit, als es noch keine Zeppeline gab, in einer Zeit, als das alles noch Zukunft war, schon den lenkbaren Luftballon; aber er macht uns zugleich aufmerksam, was in der menschlichen Kulturentwickelung mit dieser äußersten Mechanisierung, das heißt Abtötung, Homunkulusierung des Lebens verbunden ist.
Cite:
GA 171/1916-09-23/p019 · edition original