{"corpus":"steiner","locus":"GA 171/1916-09-23/p021","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nun kann aber die Frage aufgeworfen werden: Warum gibt es denn so viele Menschen, welche, trotzdem sie etwas gewußt haben von der geistigen Welt, geschwiegen haben über dieses Wissen? — Denn das muß einmal immer wieder und wiederum betont werden: da war das geistige Wissen schon immer. Es muß sich in verschiedener Weise entwickeln in den verschiedenen Zeitaltern; aber da war es immer. Warum haben denn manche Leute eine solche Scheu, das geistige Wissen mitzuteilen? In unserem Kreise wird es mitgeteilt, weil die Einsicht in die Notwendigkeit des Mitteilens alles übrige überwiegt. Aber es können ja nur gewisse Teile dieses geistigen Wissens mitgeteilt werden, und dies aus einem ganz bestimmten Grunde. Sehen Sie, in einer anderen Form war ja das geistige Wissen, wenn auch mit einer unbewußteren oder unterbewußteren Art, auch vor dem Mysterium von Golgatha vorhanden. Der Mensch kam in mehr instinktiver Art in Zusammenhang mit der geistigen Welt, als er heute, zu seinem Heile, kommen kann. Und ein großer Teil der Menschheit wurde überhaupt nicht zugelassen. Es wurden nur diejenigen zugelassen, die man entsprechend vorbereiten konnte. Und wie bereitete man sie vor? Auf eine Weise bereitete man sie vor, an die man heute gar nicht so recht denkt, wenn man von Vorbereitung für Wissenschaft oder Erkenntnis spricht. Heute ist man der Ansicht, daß man sich um die moralischen Qualitäten desjenigen, den man zum Wissen zuläßt, eigentlich erst in zweiter Linie zu kümmern hat; jedenfalls ist man nicht der Ansicht, daß das Wissen als solches abhängt von den moralischen Qualitäten. Das war in der alten Zeit durchaus nicht der Fall in bezug auf die Mitteilung des Wissens. Niemandem teilte man in den alten Zeiten, in denen das Wissen durch Mysterien mitgeteilt worden ist, irgend etwas mit, was in Betracht kam an Wissen, der nicht durch entsprechende moralische Zucht strengster Art gegangen war. Über das höchstens mathematische Wissen, mit dem man nicht viel Unfug treiben kann, und über das literarische Wissen kam man ohne eine strenge moralische Zucht nicht hinaus. Denn es wurden den Leuten nur die Dinge mitgeteilt, die als ihnen entsprechend angesehen wurden, nachdem sie eine gewisse moralische Zucht durchgemacht hatten, eine strenge moralische Zucht. Voraus ging die Erziehung zum Guten; dann kam die Mitteilung der Weisheit. Und Conditio sine qua non war diese Erziehung zum Guten. Das wurde vor allen Dingen in erster Linie eingehalten: die Erziehung zum moralischen Mut. Denn man war überzeugt - ich kann das heute der Kürze der Zeit wegen nicht auseinandersetzen -, daß das Gedeihen in der Welt durch das Wissen nur dadurch herbeigeführt werden kann, wenn das, was ein wissender Mensch tun kann, von einem guten Menschen getan wird. Das war Überzeugung. Es war, so unwahrscheinlich es aussieht heute, wo man die alten Zeiten nur für barbarisch hält und von den neuen die Meinung hat, daß man es so herrlich weit gebracht hat - allerdings, so weit, daß man jetzt Tausende jede Woche in Blut tränkt -, in diesen alten Zeiten Überzeugung, daß man das Wissen in seiner Wirkung nur angewendet haben wollte von Leuten, die durch die strengste moralische Zucht gegangen waren. Die anderen sollten nur instinktiv handeln, unter der Anleitung derjenigen, welche durch moralische Zucht gegangen sind.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Vierter Vortrag","site_heading":null,"date":"1916-09-23","location":null,"word_count":528,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/171/1916-09-23/p021","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/171/1916-09-23/p021"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/171/1916-09-23/p021","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}