Vierter Vortrag

GA 171/1916-09-23/p022 ·1916-09-23 · original (original)
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Die neuere Zeit taugt nicht dazu, einen solchen Grundsatz ohne weiteres anzuwenden. Stellen Sie sich vor: Wie soll ein solcher Grundsatz heute in unserer Zeit verwirklicht werden, wo jeder so schnell wie möglich das, was er weiß, sagt oder gar drucken läßt, und wo man das nicht aufhalten kann? Man soll sich nur ja keinen Illusionen hingeben, daß in dieser Beziehung irgend etwas, irgendeine soziale Einrichtung Einhalt tun könnte! Heute gilt Öffentlichkeit. Was muß daher an die Stelle dieses alten Grundsatzes treten, nur den Menschen mit moralischer Zucht zum Wissen kommen zu lassen? An die Stelle dieses alten Grundsatzes muß der treten, daß das Wissen selber, das mitgeteilt wird, eine gewisse Kraft in sich habe, nämlich die Kraft, durch sich selber das Gute hervorzubringen, richtig durch sich selber das Gute hervorzubringen. Dahin muß sich alle geisteswissenschaftliche Bewegung richten. Gewissermaßen muß alles Wissen, das durch die Geisteswissenschaft in die Welt kommt, so geordnet werden, daß es durch sich selbst, durch seine eigene Kraft das Gute erzeugt. Sie werden sagen, die Versuche, die gemacht worden sind mit dem geisteswissenschaftlichen Lehrgut in der neueren Zeit, haben vielfach dieses Resultat nicht gezeitigt. Gewiß, noch nicht, weil alles sich durch seine verschiedenen Hindernisse hindurcharbeiten muß. Das geheime Fühlen des Guten in der Geisteswissenschaft ist es auch vielfach, welches bewirkt, daß diese Geisteswissenschaft nicht allein logisch bekämpft wird, sondern gehaßt wird. Nun werden Sie sagen: Ja, aber wollen denn nicht im Grunde genommen alle vernünftigen Menschen das Gute? — So wie man es heute vielfach auffaßt, könnte man sagen: Nun ja, alle vernünftigen Menschen wollen das Gute. Aber darauf kommt es nicht an, daß jemand meint, er wolle das Gute, oder er wünsche das Gute, sondern daß er es wirklich will; daß er es wahrhaftig will, darauf kommt es an. Wenn man die Errungenschaften der modernen Kultur gerade mit Bezug auf ihre moralischen Defekte in Betracht zieht, in bezug auf diejenigen moralischen Defekte, die sozusagen im Leblosen wirken, wird man finden, daß die Welt schon eine Weisheit braucht, welche, indem sie Weisheit ist, zugleich das Gute wirkt. Denn die materialistische Wissenschaft ist gleichgültig gegenüber Gut und Böse. Sie braucht das, was sie in die Materie hineinformt, ebensogut zum Bösen wie zum Guten; sie dient dem Bösen ganz gleich wie dem Guten.

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Cite: GA 171/1916-09-23/p022 · edition original