Vierter Vortrag
Es ist in der letzten Zeit ein in seiner Art gutes Buch geschrieben worden, welches sich bemüht, die heute weltbewegenden Fragen, die seit zwei Jahren weltbewegenden Fragen auch vom Standpunkte des menschlichen Fühlens und des moralischen Empfindens zu beurteilen. Es ist ein Buch erschienen in der allerletzten Zeit, das gut ist, das mit einem gewissen umfassenden Blick zeigen will, wodurch man herauskommen kann aus dem Irrgewebe des Blutes und des Hasses, in dem die moderne Kultur sich befindet. Dieses Buch ist von jenem Chinesen geschrieben, auf den ich schon als auf eine wichtige Persönlichkeit eine Reihe unserer Freunde vor vier oder fünf Jahren hingewiesen habe, als sein erstes Buch über die europäischen Verhältnisse erschienen ist. Und das Buch, das jetzt erschienen ist von Ku Hung-Ming, dem feingebildeten Chinesen, dieses Buch ist gut, dieses Buch hat viel Objektives. Dieses Buch zeigt einen Menschen, der nicht in den Fehler verfällt, in den heute viele verfallen; dieses Buch zeigt einen Menschen, der von diesen Fehlern abseits steht. Heute haben viele Meinungen, heute äußern viele diese oder jene Meinung über unsere Zeitverhältnisse — der größte Teil desjenigen, was geäußert wird, ist nicht dazu da, um auszusagen das, was man wirklich meint, sondern um sich zu betäuben gegenüber dem, was wirklich ist. Wir sehen Ströme von Haß hinfluten über die Welt. Warum werden sie in die Welt gesetzt? Warum wird dies oder jenes gesagt? Denken Sie, daß diejenigen, die da sagen, der Papst solle zum Beispiel das Verdammungsurteil über ein ganzes Volk aussprechen, die das energisch fordern, die glauben, das wirklich aus irgendwelchen objektiven Ereignissen erkennen zu können — glauben Sie, die haben die Ruhe objektiver Erkenntnis? Das ist gesagt, um sich zu betäuben, gerade um sich das nicht zu gestehen, was man sich gestehen sollte. Ein großer Teil desjenigen, was heute gesagt wird, ist gesagt, um sich zu betäuben. Weil man sich das, was man sich eigentlich eingestehen sollte, nicht eingestehen will, so sagt man dies oder jenes, das nur hinweghelfen soll über dasjenige, was man sich nicht sagen will.
Cite:
GA 171/1916-09-23/p024 · edition original