Fünfter Vortrag

GA 171/1916-09-24/p007 ·1916-09-24 · original (original)
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Nun kam die fünfte nachatlantische Zeit. Die hat ganz bestimmte Aufgaben im Sinne der fortschreitenden regulären geistigen Entwickelung. Während die vierte nachatlantische Zeit das griechische Phantasieleben und den romanischen Egoismus ausbilden sollte, handelt es sich in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum darum, die Gabe der sinnlichen Anschauung auszubilden. Ich habe das charakterisiert, indem ich das Ideal sinnlicher Anschauung nannte, wie es Goethe in seinem Urphänomen gemeint hat — Sie können das nachlesen in meinen Schriften über Goethe -, die reine Anschauung der äußeren sinnlichen Wirklichkeit, die nicht so in früheren Zeiten da sein konnte, weil sich überall hineinmischte in das Anschauen der sinnlichen Wirklichkeit, was aus dem atavistischen Hellsehen heraus kam; so daß man nicht sah das reine Phänomen im reinen äußeren sinnlichen Dasein, sondern immer sah, was hellseherisch-visionär sich über das sinnliche Dasein hinüberzog. Wenn die Menschen ein bißchen genauer zusehen würden, so würden sie sogar aus der äußeren Geschichte, aus dem geschichtlich Überlieferten ersehen, daß dieses so ist. Plato betrachtet das Sehen noch nicht als eine so passive Eigenschaft, wie man es jetzt in der fünften nachatlantischen Zeit betrachtet, sondern der Grieche Plato sagt noch ausdrücklich: Das Sehen besteht darinnen, daß eine Art Feuer von dem Auge ausgeht und zu den Dingen hingeht. - Der Grieche Plato weiß also noch etwas von der Aktivität des Sehens. Diese Aktivität mußte abgestreift, vergessen werden, verlorengehen, damit eine andere Fähigkeit entstehen konnte des fünften nachatlantischen Zeitraums. Und das andere ist, daß im fünften nachatlantischen Zeitraum, also vom Beginne des 15. Jahrhunderts bis etwa in das 4. Jahrtausend hinein, sich allmählich in der Menschheitsentwickelung herausbilde die Gabe der freien Imagination, der Imagination, die in voller innerer Freiheit gefaßt wird. Auf der einen Seite das Urphänomen, auf der anderen Seite die freie Imagination.

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Cite: GA 171/1916-09-24/p007 · edition original