{"corpus":"steiner","locus":"GA 172/1916-11-05_02/p004","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn man so verfolgt Goethes Leben, wie es viele, die seine Biographen sein wollen, bis heute schon getan haben, so achtet man gar nicht darauf, wie der Mensch geneigt ist, in einer raschen Weise Wirkung mit Ursache zu verknüpfen. Sehen Sie, Naturwissenschafter werden schon heute immer wieder und wiederum darauf verweisen, daß der Mensch viele Irrtümer begeht, wenn er schnell-fertig das «Nach einem Ding und eben deshalb aus diesem Ding heraus» zu seinem Grundsatze macht, dieses «Post hoc, ergo propter hoc»: weil etwas aufeinanderfolgt, müsse es wie die Wirkung aus der Ursache hervorgehen. Man tadelt es auf naturwissenschaftlichem Gebiet. Auf dem Gebiete der Betrachtung des Menschenlebens ist man noch nicht so weitgekommen, diesen Grundsatz auch gründlich abzulehnen. Gewisse wilde Menschen, die zu den Kamtschadalen gehören, glauben, daß die Bachstelzen oder ähnliche Vögel den Frühling bringen, weil der Frühling auf deren Kommen folgt. So schließt der Mensch überhaupt sehr häufig: Das, was auf etwas anderes folgt, geht aus diesem andern hervor. — Man lernt kennen aus Goethes eigenen Beschreibungen, also aus den Beschreibungen eines besonders über die Menschheit hinleuchtenden Menschenlebens, daß Goethe diesen Vater, diese Mutter gehabt hat, die Dinge durchgemacht hat in seiner Jugend, die er uns ja selber mitteilt, und man leitet dann dasjenige, was er später im Leben getrieben hat, wodurch er der Menschheit so wichtig geworden ist, aus diesen Jugendeindrücken biographisch ab, ganz nach dem Grundsatze, daß, weil irgend etwas auf ein anderesfolegt, so müsse es auch aus diesem anderen hervorgehen. Es ist das nicht gescheiter, als wenn man glaubt, daß der Frühling von den Bachstelzen gebracht wird. Auf naturwissenschaftlichem Gebiete hat man einen solchen Aberglauben scharf getadelt, auf geisteswissenschaftlichem Gebiete muß man erst noch so weit kommen. Man erklärt allerdings sehr schön, daß Goethe in verhältnismäßig frühen Jahren, im Knabenalter noch, als in seinem Vaterhause französische Einquartierung war, während Frankfurt von den Franzosen besetzt war, erlebte, wie der berühmte Königsleutnant Thoranc Theateraufführungen dort veranstaltete, wie er Maler beschäftigte, und wie dadurch Goethe fast noch als Kind in Berührung kam mit der Malerei, in Berührung kam mit der theatralischen Kunst, und man leitet dann Goethes Hinneigung zur Kunst in der späteren Zeit au$ solchen Jugendeindrücken leichthin ab.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1916-11-05","location":null,"word_count":360,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/172/1916-11-05_02/p004","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/172/1916-11-05_02/p004"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/172/1916-11-05_02/p004","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"also_served_as":{"lectures":["1916-11-05"],"note":"The identical text is also served under the loci listed here. They are the SAME witness under different ids, not independent attestations: do not cite two of them as corroborating each other."},"unit_kind":{"kind":"second_translation","base_unit":"GA 172/1916-11-05","note":"A second English translation of the same lecture as 1916-11-05. The German served under this id repeats the German of 1916-11-05: one German text, to be cited at 1916-11-05.","same_lecture_as":"GA 172/1916-11-05","german_repeats":"GA 172/1916-11-05"}}