Zweiter Vortrag
Auf jemanden, bei dem ein kompakter Zusammenhang ist zwischen physischem und Ätherleib, wirkt die Außenwelt ein, aber indem sie Eindrücke macht auf den physischen Leib, gehen die Eindrücke gleich in den. Ätherleib über, das ist eins; und der lebt dann mit den Eindrücken der Außenwelt einfach flott mit. Bei einer solchen Natur wie Goethe es war, werden die Eindrücke selbstverständlich auf den physischen Leib gemacht, aber der Ätherleib geht nicht gleich mit, weil er gelockert ist. Die Folge davon ist, daß gewissermaßen ein solcher Mensch isolierter sein kann gegenüber seiner Umgebung, daß ein komplizierterer Vorgang vorliegt, wenn ein Eindruck auf seinen physischen Leib gemacht wird. Rücken Sie sich hinüber von diesem organischen Bau Goethes zu dem, was Sie aus seiner Biographie kennen: daß er die Ereignisse, auch die historischen Ereignisse, gewissermaßen ohne sie zu vergewaltigen, auf sich wirken läßt, dann haben Sie sich Verständnis geschaffen für das eigentümliche Walten der Goethe-Natur. Ich sagte Ihnen: er nimmt die Biographie des Gottfried von Berlichingen, läßt sich nur beeinflussen von Shakespeares dramatischen Impulsen und veränderte gar nicht viel die nicht besonders gut geschriebene Selbstbiographie des Gottfried von Berlichingen, so daß er sein Drama auch nicht «Drama» nennt, sondern «Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand, dramatisiert»; er verändert nur etwas. Sehen Sie, dieses, ich möchte sagen, sanfte und zaghafte Anrühren der Dinge, so daß er nicht gewaltsam zufaßt, das ist bewirkt durch diesen ganz besonderen Zusammenhang zwischen Ätherleib und physischem Leib.
Cite:
GA 172/1916-11-05_02/p017 · edition original