Zweiter Vortrag

GA 172/1916-11-05_02/p027 ·1916-11-05 · original (original)
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So sehen wir, man möchte sagen, scharf fortgeführt den karmischen Anstoß, der in Goethe war. Dann aber wieder, 1775, tritt wie von außen herein die Bekanntschaft mit dem Herzog von Weimar. Goethe wird von Frankfurt nach Weimar berufen. Was bedeutet denn das in seinem Leben? Man muß erst verstehen, was solch ein Ereignis bedeutete für das Leben eines Menschen, wenn man nun weiteres ausfindig machen will, um das Leben zu verstehen. Ich weiß, wie wenig die heutige Welt geneigt ist, wirklich die Seelenkräfte wachzurufen, die notwendig sind, um so etwas voll zu empfinden, voll zu fühlen, was schon in den ersten Partien von Goethes «Faust» lebt. Um das zu schreiben, was nun hier aufgeführt worden ist — «Faust I», Monolog im Studierzimmer, Erdgeist —, dazu gehört ein Reichtum der Seele, der, wenn man ihn ansieht, einen dazu veranlassen möchte, in inbrünstiger Verehrung lange, lange davor zu verharren. Und man hat oftmals den tiefsten Seelenschmerz, wenn man sieht, wie die Welt eigentlich doch recht stumpf ist und gar nicht Größe, Größe fühlen kann. Fühlt man aber so etwas voll, dann wird man auch verstehen, wozu derjenige, der von Geisteswissenschaft wirklich durchdrungen ist, in seiner Empfindung kommt. Der kommt nämlich dazu, sich zu sagen: In diesem Goethe lebte etwas, das ihn verbrannte. So konnte es nicht weitergehen.

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