Zweiter Vortrag
Zwei Dinge müssen wir uns klarmachen, wenn wir in richtigem Sinne, in der richtigen Beleuchtung diese ersten Partien des «Faust», die Goethe geschrieben hat, würdigen wollen. Man könnte sich ja denken, daß Goethe, sagen wir von seinem fünfundzwanzigsten bis zu seinem fünfzigsten Jahre nach und nach diese Szenen geschrieben hätte. Dann würden sie die Seele nicht so gespannt haben, dann wären sie “ keine solche Last gewesen. Nun gewiß, aber das ist nicht möglich, wäre nicht möglich gewesen, denn vom dreißigsten, fünfunddreißigsten Jahre ab würde eben die Jugendkraft gemangelt haben, die dazu notwendig war, um diese Dinge gerade so zu gestalten. Er mußte sie in diesen Jahren schreiben nach seiner Individualität, aber er konnte so nicht weiterleben. Er brauchte etwas, was wie eine Dämpfung, wie eine Art partieller Seelenschlaf war, um abzuschwächen das Feuer, das in seiner Seele gebrannt hat, als er die ersten Partien des «Faust» schrieb. Der Herzog von Weimar holte ihn, um ihn in Weimar zum Minister zu machen. Und er war ein guter Minister, sagte ich schon. Da konnte er als Minister, indem er viel emsige Arbeit leistete, partiell verschlafen sich ausruhend — dasjenige, das gebrannt hat in seiner Seele. Und es ist wirklich ein gewaltiger Unterschied in der Stimmung vor 1775 und nach 1775, .die schon zu vergleichen ist mit einer Art gewaltigen Wachens und nachher abgedämpften Lebens. Da kommt sogar das Wort «Dumpfheit» Goethe in den Sinn, wenn er sein besonderes Leben in Weimar schildert, wo er so in die Ereignisse sich hineinlebt, aber mit ihnen mehr mitschwingt als früher, da er gegen sie revoltierte. Merkwürdig war es dann, daß auf die Abstumpfung für zehn Jahre ein sanfteres Heranbringen der Ereignisse an den Menschen folgte. Und so wenig das Schlafleben eine unmittelbare Wirkung des vorhergehenden Tageslebens ist, so wenig war dieses Schlafleben Goethes eine Wirkung desjenigen, was vorangegangen war. Die Zusammenhänge sind vie] größere, als man gewöhnlich denkt. Ich habe schon öfter darauf aufmerksam gemacht, daß es eine oberflächliche Anschauung ist, wenn man auf die Frage: Warum schläft der Mensch? antwortet: Weil er müde ist! — Es ist eine faule, selber schlafende Wahrheit, denn es ist ein Unsinn. Sonst müßte nicht eine Tatsache sein, daß diejenigen Menschen, die nicht müde sein können, zum Beispiel Rentiers nach einer vollen Mahlzeit, wenn sie etwas hören sollen, wofür sie sich nicht besonders interessieren, in Schlaf sich einlullen. Müde sind sie gewiß nicht. Die Sache ist nicht so, daß wir schlafen, weil wir müde sind, sondern das Wachen und Schlafen ist ein rhythmischer Lebensvorgang, und wenn die Zeit des Schlafens, die Notwendigkeit des Schlafens herankommt, so werden wir müde. Wir sind müde, weil wir schlafen sollen, nicht aber schlafen wir, weil wir müde sind. Das will ich in diesem Augenblicke nicht weiter ausführen.
Cite:
GA 172/1916-11-05_02/p029 · edition original