Zweiter Vortrag

GA 172/1916-11-05_02/p031 ·1916-11-05 · original (original)
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Der Mensch als alltäglicher Mensch wacht am Morgen auf, in der Regel so, wie er am Abend eingeschlafen ist, für sein eigenes Bewußtsein. In Wirklichkeit ist es ja niemals so. Wir wachen niemals gerade so auf, wie wir eingeschlafen sind, sondern wirklich etwas reicher; wir werden uns nur der Bereicherung nicht bewußt. Aber wenn nun auf einen Wellenberg ein Wellental gefolgt ist, wie bei Goethe in den weimarischen Jahren, dann erfolgt das Aufwachen auf einer höheren Stufe, muß auf einer höheren Stufe erfolgen. Aber die innersten Kräfte streben danach. Und die innersten Kräfte streben bei Goethe auch, aus der weimarischen Dumpfheit zum vollen Leben wieder zu erwachen in einer Umgebung, die ihm nun wirklich bringen konnte, was ihm fehlte. Das war in Italien, als er erwachte. In Weimar selber hätte er nach seiner besonderen Konstitution nicht aufwachen können. Gerade an einer solchen Sache aber kann man den tiefen Zusammenhang des Schaffens eines wirklichen Künstlers, eines großen Künstlers mit seinem besonderen Erleben sehen. Sehen Sie, einer, der kein großer Künstler ist, der kann ein Drama so glattweg nach und nach, Seite für Seite hinschreiben; er kann es ganz gut. Der große Dichter kann es nicht, denn der braucht: tief drinnenzuwurzeln im Leben. Goethe konnte daher tiefste, tiefste Wahrheiten in seinem «Faust» zum Ausdrucke bringen in verhältnismäßig früher Jugend, Wahrheiten, die weit über sein Seelenvermögen hinauswuchsen, Aber er mußte eine Verjüngung beim Faust zum Ausdruck bringen. Denken Sie sich: Faust mußte zu einer ganz anderen Stimmung kommen; trotzdem er so tief gestaltet ist, mußte er verjüngt werden. Schließlich, trotz aller Tiefe, hat ihn dasjenige, was er bis dahin in seiner Seele aufgenommen hat, dem Selbstmorde nahegebracht. Er mußte verjüngt werden. Ein kleiner Mensch kann recht gut schildern in vielleicht recht schönen Versen, wie ein Mensch verjüngt wird. Goethe konnte es nicht so ohne weiteres; er mußte selbst erst in Rom verjüngt werden. Daher ist die Verjüngungsszene der «Hexenküche» in Rom geschrieben, im Garten der Villa Borghese. Goethe würde es nicht gewagt haben, diese Szene früher zu schreiben.

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