Zweiter Vortrag

GA 172/1916-11-05_02/p032 ·1916-11-05 · original (original)
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Nun, verbunden mit einer solchen Verjüngung, wie sie Goethe erlebt hat, ist ein wenn auch noch dumpfes Bewußtsein. Zu Goethes Zeit gab es noch keine Geisteswissenschaft: es konnte kein helles Bewußtsein sein, sondern nur ein dumpfes Bewußtsein. Mit einer solchen Verjüngung sind besondere Kräfte wieder verbunden, die schon in die nächste Inkarnation hinüberspielen. Da gliedern sich ineinander Erlebnisse, die dieser Inkarnation angehören, und mancherlei, was in die nächste Inkarnation hinüberspielt. Wenn man dies bedenkt, wird man auf eine besonders tiefbedeutsame Tendenz bei Goethe geführt. Sehen Sie, wenn ich diese persönliche Bemerkung einschalten darf: Ich beschäftige mich seit einer Reihe von Jahrzehnten, ich kann sagen seit 1879/80 eigentlich immer, intensiv seit 1885/86, mit Goethes Naturanschauung. Und ich habe in dieser Zeit die Anschauung gewonnen: In dem Impuls, den Goethe der Naturanschauung gegeben hat - von dem die heutigen Naturgelehrten, Naturwissenschafter, Naturdenker eigentlich gar nichts verstehen -, liegt etwas, das ausgebildet werden kann, aber erst in Jahrhunderten. So daß Goethe wohl wahrscheinlich, wenn er wiederkommen wird in anderer Inkarnation, noch die Möglichkeit finden wird, an dem zu gestalten, was er in dieser Inkarnation gerade aus seinen Naturanschauungen noch nicht hat fertigmachen können. Manche Dinge ahnt man heute noch gar nicht, die in Goethes Naturanschauung liegen. Darüber habe ich mich ja ausgesprochen in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» und in den Einleitungen zu «Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften» in Kürschners Nationalliteratur. So daß man schon sagen kann: Goethe trägt mit seiner Naturanschauung etwas in sich, das in weite, weite Horizonte hinausweist, das aber innig zusammenhängt mit seiner Wiedergeburt, wie sie jetzt zwar nicht gerade in dieser Beziehung an Rom gebunden war, aber an das Lebensalter, das er in Rom durchlebte. Lesen Sie nach, wie ich die Dinge dargestellt habe, wie sich die Metamorphose der Pflanzen, der Tiere, Urpflanze, Urtier, während der italienischen Reise ausgestaltet, wie er, als er zurückkam, die Farbenlehre, die man heute noch gar nicht verstehen kann, in Angriff nahm, wie er ja noch andere Dinge in Angriff nahm; dann werden Sie sehen: Mit seiner Wiedergeburt hängt auch dieses Einleben in seine umfassende Naturanschauung zusammen. Dann hat er allerdings dasjenige, was sich in ihm selber im Laufe des Lebens ergeben hat, mit Faust in Beziehung gebracht, aber nicht so, wie es ein kleiner Dichter tut,sondern wie es ein großer Dichter tut. Faust erlebt die Gretchen-Tragödie. Mitten in der Gretchen-Tragödie tritt uns plötzlich entgegen Faustens große Naturanschauung, die nun allerdings viel Verwandtes hat mit Goethes großer Naturanschauung, und die zum Ausdruck kommt in den Faust-Worten:

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Cite: GA 172/1916-11-05_02/p032 · edition original