Neunter Vortrag
Einer der Vorwürfe, welcher unserer Geisteswissenschaft von seiten mancher Theologen und solcher gemacht wird, welche glauben, auf dem Boden des Christentums zu stehen, aber es nicht richtig verstehen, ist, daß durch diese unsere Geisteswissenschaft Wahrheiten über eine größere Anzahl von Hierarchien geltend gemacht werden, von Hierarchien, welche Wesenheiten umfassen, die über dem Menschen stehen und die in der geistigen Welt vorhanden sind. Wir sprechen ja, wie Sie wissen, von geistigen Hierarchien, welche umfassen die Angeloi, Archangeloi, Archai, Exusiai und so weiter; geradeso sprechen wir von diesen Reichen der höheren, übersinnlichen Welten, wie wir von dem Tierreich, dem Pflanzenreich, dem mineralischen Reich, dem Elementarreich und so weiter, innerhalb der irdischen Welt sprechen. Wir sind uns auch klar darüber, daß des Menschen Leben in zwei Abschnitte zerfällt. Der eine verfließt zwischen der Geburt und dem Tod. Während dieses Lebens oder durch dieses Leben steigt der Mensch aus der übersinnlichen Welt herunter zu den Reichen, die dann in seiner physischen Umgebung sind: Menschenreich, Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich und so weiter. Wenn der Mensch durch die Todespforte geht, so beginnt nun der andere Abschnitt seines Lebens. Er steigt hinauf zu den höheren Reichen, zu den Reichen, die ebenso von unten nach oben getürmt sind, wie die anderen Reiche von oben nach unten, er steigt hinauf in die Reiche der Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. Derjenige, der heute glaubt, aber eben nicht versteht, auf dem Boden des Christentums zu stehen, der ficht ganz besonders diese Anschauung von den Wesenheiten an, welche hineingestellt sind zwischen den Menschen und der eigentlichen, weit, weit über den Menschen, auch weit über den Engeln, Erzengeln und so weiter liegenden Gottheit, welche hineingestellt werden in diesen übersinnlichen Raum. Insbesondere wird derjenige, der da glaubt, besonders fortgeschritten zu sein in seiner christlichen Anschauung, leicht davon sprechen, daß diese Erkenntnis von den geistigen Hierarchien und ihren Wesenheiten ein Rückfall sei in einen alten Polytheismus, oder, wie man sagt, in eine Art Heidentum. Denn, so sagt man, es sei gerade das die Aufgabe des heutigen Menschen, zwischen sich und die Gottheit nichts zu setzen, sondern in der Welt zu leben, die Augen zu richten auf dasjenige, was sich sinnlich darbietet, und dann den Weg unmittelbar zu der Gottheit zu finden, ohne eine Vermittelung durch Engel, Erzengel und so weiter. Und das glaubt mancher als das besonders Erhabene, so ohne Vermittelung, wie er sagt, seinem eigenen Gotte gegenüberzustehen.
Cite:
GA 172/1916-11-26_02/p003 · edition original