Neunter Vortrag
Dem liegt ein gewisser verborgener Egoismus zugrunde, den die Menschen nicht zugeben wollen. Aber es ist etwas Gewichtiges gesagt, wenn wir uns dies vor Augen halten, denn der Mensch lebt eigentlich in einer Unwahrheit, wenn er sich nicht gesteht: ich blicke auf zu meinem Engel — sondern wenn er sich sagt: ich blicke auf zu dem alleinheitlichen Gotte. - Er lebt in einer nebulosen Vorstellung, das heißt, in einer innerlichen Täuschung, in einer innerlichen Maja. Und dies hat wichtige Folgen, denn indem sich der Mensch also dieser innerlichen Täuschung hingibt, tritt etwas ganz Bestimmtes ein. Denn dadurch, daß wir uns phantastischen Vorstellungen hingeben, ändern wir nicht die geistigen Wirklichkeiten, die infolge desjenigen, was wir richtig oder unrichtig vorstellen, wirklich auch eintreffen. Indem der Mensch eigentlich nur zu seinem Engel aufblickt, das sich aber nicht gesteht, sondern glaubt, er blicke zu dem Gotte auf — während er nicht einmal zu einem Erzengel aufblickt -, betäubt er durch diese unwahre Vorstellung in einem gewissen Sinne seine Seele. Und diese Betäubung der Seele ist ja heute allgemein vorhanden. Aber wenn man die Seele betäubt, dann ist das für unsere heutige Menschheitsentwickelung außerordentlich verhängnisvoll. Denn durch die Betäubung der Seele wird das Ich heruntergedrückt, heruntergetrübt, und dann schleichen sich die anderen Mächte, die nicht in der Seele wirken sollen, in diese Seele ein. Das heißt, es schleicht sich an die Stelle des Engels, den man zunächst verehren wollte, den man aber umtauft zu «Gott», der luziferische Angelos ein, und man kommt allmählich dazu, nicht den Engel zu verehren, sondern den luziferischen Angelos. Dann aber ist die schiefe Ebene, die den Menschen hinunterführt, sehr nahe; dann ist es sehr nahe, daß er den Gott überhaupt verleugnet, das heißt, seinen Engel verleugnet — was immer zusammenhängt mit der Verleugnung des wahren menschlichen Ich, wie ich Ihnen gezeigt habe an dem Buche «Matérialisme et Spiritualisme» von Leblais, wo behauptet wird, daß die Katze ebenso ein Ich hat wie ein Mensch, und wo von dem «grand-prêtre du chien» gesprochen wird.
Cite:
GA 172/1916-11-26_02/p010 · edition original