{"corpus":"steiner","locus":"GA 173A/1916-12-21","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21","ga":"173a","lecture":"1916-12-21","lecture_number":null,"title":"The Karma of Untruthfulness I","date":"1916-12-21","location":null,"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"passage_count":23,"word_count":5592,"translation_credit":null,"witnesses":[{"lang":"de","edition":"original","is_original":true,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":23,"passage_count":23,"word_count":5592},{"lang":"en","edition":"English","is_original":false,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":65,"passage_count":65,"word_count":6650,"completeness":{"ratio":1.19,"band":"comparable","note":null}}],"passages":[{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p001","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p001","passage_number":1,"word_count":8,"text":"## GA 173a — 21 December 1916, Basel"},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p002","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p002","passage_number":2,"word_count":3,"text":"### Achter Vortrag"},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p003","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p003","passage_number":3,"word_count":94,"text":"Bei vielen Menschen ist es Gewohnheit geworden, alljährlich die physische Geburt desjenigen Wesens zu feiern, das in die Erdenentwickelung eingetreten ist, um dieser Erdenentwickelung ihren Sinn zu geben. Wenn wir in Gemäßheit dessen, was wir uns immer wieder und wiederum vorhalten müssen als die Aufgabe unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung, nicht in ein bloßes Gewohnheitsfest verfallen wollen, wie man das an so vielen Stätten jetzt finden kann, so wird es angemessen sein, gerade über mancherlei, was zusammenhängt mit dem Sinn der physischen Geburt des Christus Jesus, einiges in dieser ernsten Zeit vor unsere Seele zu führen."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p004","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p004","passage_number":4,"word_count":138,"text":"Wir haben uns oftmals vor das geistige Auge geführt, wie in dem Christus Jesus für das menschliche Anschauungsvermögen gewissermaßen zwei Wesenheiten zu einer zusammenfließen: das ChristusWesen und das menschliche Jesus-Wesen. Nun hat es innerhalb der christlichen Entwickelung viel Streit, viel Dogmenstreit gegeben über den Sinn der Vereinigung des Christus mit dem Jesus in dem Wesen, dessen physische Geburt im Weihnachtsfeste gefeiert wird. Wir dürfen anknüpfen daran, daß wir ja wissen: In dem Christus erkennen wir ein kosmisches, ein überirdisches Wesen, ein Wesen, das heruntergestiegen ist aus geistigen Welten, um durch das Geborenwerden in einem physischen Menschen der Erdenentwickelung ihren Sinn zu verleihen. Und wir erkennen in dem Menschen Jesus denjenigen, der in einer uns ja bekannten Weise vorbestimmt war, als Mensch die Christus-Wesenheit sich zu verbinden, sie in sich aufzunehmen, nachdem er dreißig Jahre hindurch dazu vorbereitet war."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p005","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p005","passage_number":5,"word_count":101,"text":"Nicht nur, daß es viel Zank, viel Dogmenstreit gab über die Art, wie der Christus mit dem Jesus verbunden ist, sondern in dem Verhältnisse des Christus zu dem Jesus liegt zu gleicher Zeit ein Hinweis auf bedeutsame Geheimnisse der ganzen irdischen Menschheitsentwickelung. Und wenn man verfolgt, was bis heute geschehen ist, um etwas von dieser Verbindung des Christus mit dem Jesus zu begreifen, und wenn man sich Gedanken darüber macht, was innerhalb der Menschheitsentwickelung noch zu geschehen hat, um dieses Verhältnis in das rechte Licht zu setzen, dann rührt man an eines der ganz großen Geheimnisse menschlicher Erkenntnis und menschlichen Lebens."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p006","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p006","passage_number":6,"word_count":156,"text":"Als die Zeit herannahte, da die Menschheitsentwickelung in sich das Christus-Wesen aufnehmen sollte, da war, allerdings wie eine Erbschaft aus alten hellseherischen Weisheitszeiten, eine Möglichkeit da, sich gewisse Vorstellungen und Ideen zu machen über die ganze Höhe der Christus-Wesenheit. Und es gab in dieser Zeit eine Weisheit, von welcher die heutige Menschheit oftmals, man könnte sagen, freventlich redet, von welcher sie sich aber doch kaum eine Vorstellung machen kann; es gab dasjenige, was durch gewisse Strömungen - im Grunde Gegenströmungen der tieferen christlichen Offenbarung — aus der Menschheitsentwickelung bis jetzt ausgerottet worden ist: es gab die Gnosis, eine Weisheit, in welche vieles von uraltem, in atavistischem Hellsehen der Menschheit geoffenbartem Erkennen eingeflossen war. Es war alles das, was als Gnosis mündlich oder schriftlich vorhanden war, durch die abendländische dogmatische Christentumsentwickelung geradezu mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden, nachdem allerdings diese Gnosis sich bemüht hatte, ihrerseits eine Antwort zu finden auf die Frage: Wer ist der Christus?"},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p007","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p007","passage_number":7,"word_count":143,"text":"Heute kann es sich nicht mehr darum handeln, zur Gnosis zurückzukehren; die Gnosis ist selbstverständlich etwas Verglommenes. Und daß sie mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden ist, entsprang zwar dem Bösen, der Unwissenheit und der Feindschaft gegenüber Wissen und Weisheit, aber es entsprang doch einer gewissen Notwendigkeit in der irdischen Entwickelung. Und es ist nur eine von den vielen gegenwärtigen Böswilligkeiten, wenn gerade der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft der Vorwurf gemacht wird, sie wolle die alte Gnosis aufwärmen. Dieser Vorwurf wird ja von den Leuten gemacht, die von der Gnosis nichts wissen, und ebensowenig wissen von der Anthroposophie. Nicht um ein Aufwärmen der Gnosis handelt es sich, sondern darum, zu erkennen, daß die Gnosis etwas Gewaltiges, etwas Großes war, etwas, was für die Zeit, die jetzt neunzehn Jahrhunderte hinter uns liegt, eine gewisse Antwort zu geben versuchte auf die Frage: Wer ist der Christus?"},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p008","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p008","passage_number":8,"word_count":205,"text":"Vor dem Auge des Gnostikers, vor seinem Geistesauge stand der Hinblick auf geistige Welten. In einer wunderbaren Weise dachte sich der Gnostiker übereinandergeordnet die Welt der geistigen Hierarchien. Und wie durch die Welt der geistigen Hierarchien Christus heruntergestiegen ist, um einzutreten in die Hüllen eines sterblichen Menschen — das stand alles vor der Seele des Gnostikers. Und diese Seele wollte sich eine Vorstellung davon bilden, wie der Christus aus geistigen Höhen angekommen ist und empfangen worden ist auf der Erde. Man macht sich die besten Vorstellungen von dem, was einmal war, wenn man sich denkt, daß alles, was in die Welt getreten ist, nachdem die Gnosis mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden war, klein war gegenüber der Größe der Christus-Vorstellung gnostischer Zeiten. Was als eigentliche Mysterienweisheit hinter den Evangelien liegt, ist unendlich groß, und größer als das, was alle nachfolgende Theologie in der Lage war, aus den Evangelien herauszuholen. Um zu verstehen, wie klein und unbedeutend gegenüber der Gnosis die heute übliche Auffassung der Christus-Wesenheit ist, vertiefe man sich in den Christus-Begriff der alten Gnosis. Man stelle sich dieses Bild vor die Seele hin, und man liegt im Staube vor der Größe der Vorstellung dieses aus Weltenhöhen, Weltenfernen, Weltenweiten in einen menschlichen Leib einziehenden Christus-Wesens."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p009","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p009","passage_number":9,"word_count":63,"text":"Es war also einmal unter den Menschen ein großer, hoher ChristusBegriff. Er ist zurückgetreten: denn klein sind dagegen alle die dogmatischen Festsetzungen, die als arianisches oder als athanasisches Glaubensbekenntnis auf die Nachwelt gekommen sind, klein gegen jenen gnostischen Begriff, welcher Weisheit über die Zusammensetzung der Welt verbunden hat mit dem Hinblick auf die Christus-Wesenheit. Nur Reste sind geblieben von diesem großen gnostischen ChristusBegriffe."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p010","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p010","passage_number":10,"word_count":103,"text":"Das ist die eine Seite des Verhältnisses des Christus zu Jesus, daß der Christus in die Welt gekommen ist zu einer Zeit, in welcher jene Weisheit, die ihn hat begreifen können, die ihn hat begreifen wollen, bereits ausgerottet wurde. Und immer glaubten diejenigen gute Christen zu sein, die davon sprachen, daß die alte Gnosis eine orientalische Phantastik sei, welche man zum Heil der abendländischen Menschen habe ausrotten müssen. In Wahrheit war es nur die Ohnmacht der Zeit, die nicht imstande war, irdische Begriffe mit himmlischen Begriffen zu verknüpfen. — Man muß einen Sinn für das Tragische haben, wenn man die Menschheitsentwickelung verstehen will."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p011","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p011","passage_number":11,"word_count":147,"text":"Wie lange hat es gedauert, nachdem das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hatte, daß der Tempel von Jerusalem, die Stätte des Friedens, zerstört worden ist? Umschlossen hat diese Stadt Jerusalem den Salomonischen Tempel. Was die Gnosis als Weisheit war, war der Salomonische Tempel als Symbolik. Dasjenige, was der Salomonische Tempel als Symbolik umschloß, enthielt alles im Bilde, was Weltengeheimnisse sind. Und es war so gemeint, daß diejenigen, die den Salomonischen Tempel betraten, in welchem die Bilder rings um sie herum waren und sich in ihrer Seele abspiegelten, etwas in ihre Seelen aufnahmen, durch das sie in wahrem Sinne erst Menschen wurden. Der Salomonische Tempel sollte den Weltensinn in die Seele derer gießen, die ihn betreten durften. Dasjenige, was der Salomonische Tempel enthielt - auf derErde war es nicht unmittelbar enthalten; denn er enthielt alles das, was auf die Erde hereinschien an Weltengeheimnissen aus den Weiten des Kosmos."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p012","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p012","passage_number":12,"word_count":114,"text":"Meine lieben Freunde, würde man einen der alten Eingeweihten gefragt haben, die Bescheid wußten über den Salomonischen Tempel, so würde die Antwort auf die Frage: Warum ist der Salomonische Tempel erbaut worden? — etwa so gelautet haben: Damit auf der Erde hier ein Zeichen ist, auf das diejenigen Mächte hinschauen, welche die Seelen geleiten, die den Weg suchen in irdische Leiber. — Fassen wir das recht. Denken wir uns, daß diese alten Eingeweihten des Salomonischen Tempels wußten, wenn sie die Menschen nach allen Sternenzeichen in die irdischen Leiber heruntergeleiten, dann müssen besondere Seelen zu denjenigen Leibern geführt werden, welche in der Lage sind, die großen Symbole des Salomonischen Tempels in sich gespiegelt zu erhalten."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p013","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p013","passage_number":13,"word_count":102,"text":"Natürlich war dies ein Anlaß, in Hochmut zu verfallen. Wenn dies nicht in Demut, mit Essäerdemut aufgenommen wurde, so war es ein Anlaß, um in Pharisäerweisheit zu verfallen! Aber dieses war schon der Fall: Das Erdenauge schaut hinauf zum Himmel und erblickt Sterne. Das Geistesauge derjenigen, welche die Seelen aus Weltenweiten hereinführten auf dieErde, schaute herunter und erblickte den Salomonischen Tempel mit seinen Symbolen. Er war ihnen ein Stern, durch dessen Licht sie die Seelen geleiten konnten in solche Leiber, die den Sinn des Salomonischen Tempels würden aufnehmen können, Er war der Mittelpunktstern der Erde, der besonders hinausglänzte in die geistige Höhe."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p014","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p014","passage_number":14,"word_count":146,"text":"Als der Christus Jesus zur Erde gekommen war, als das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hatte, da sollte sich das große Mysterium von Golgatha in jeder einzelnen Menschenseele abspiegeln können: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt!» Da verlor der äußere, physische Salomonische Tempel zunächst seine Bedeutung, und sein Schicksal erfüllte sich in tragischer Weise. Und es war im Grunde genommen niemand mehr da, der mit der Spiegelung aller Symbole des Salomonischen Tempels in jener Zeit den ganzen Umfang der Christus-Wesenheit hätte aufnehmen können. Aber die Christus-Wesenheit selber war in die Erdenevolution eingetreten, war darinnen. Und auf diese Tatsache das ist oftmals gesagt worden in unserem Kreise —, auf diese Tatsache kommt es an. Die Gnostiker waren ja die letzten Nachzügler der Träger jener Weisheit, die umfassend und intensiv genug war, um aus der alten atavistischen Erdenweisheit der Menschheit heraus etwas von dem Christus zu verstehen."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p015","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p015","passage_number":15,"word_count":108,"text":"Das ist die eine Seite dieses Verhältnisses des Christus zum Jesus. In der damaligen Zeit hätte die Christus-Wesenheit erfaßt werden können durch die Gnosis. Das lag nicht im Weltenplane, obwohl in dem, was als Gnosis bestanden hat, eine volle Christus-Weisheit vorhanden war. Und man kann sagen, daß der Weg, welchen nun das Christentum über die Länder des Südens gemacht hat, durch Griechenland, Italien, Spanien und so weiter, daß dieser Weg der war, immer mehr und mehr zum Verlöschen zu bringen die Einsicht in dasjenige, was der Christus eigentlich war. Das versinkende Rom, das sich auflösende Rom war dazu bestimmt, das Verständnis für den Christus zum Erlöschen zu bringen."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p016","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p016","passage_number":16,"word_count":255,"text":"Nun ist es merkwürdig, daß dieses Verhältnis von dem Christus zu dem Jesus auf der einen Seite so wirkte, daß wir aufglimmen sehen in der Gnosis einen hohen Christus-Begriff, daß wir ihn verglimmen sehen beim Durchgang des Christentums durch das römische Wesen, und daß andererseits, als das Christentum den Völkern begegnete, die ihm von Norden entgegenkamen, der Begriff von dem Jesus auftaucht. Der Christus-Begriff ist im Süden verglommen; der Jesus-Begriff taucht auf in einer durchaus nicht irgendwie erhabenen Weise, wohl aber in einer solchen Weise, daß er die Gemüter der Menschen ergreift, daß etwas wunderbar in die Seelen Einziehendes sich entwickelt bei dem Gedanken, wie in der Weihenacht das Kind geboren wird, das den Christus aufnimmt. Ebenso wie man im Süden einen ungenügenden ChristusBegriff hatte, ebenso ungenügend lernte man fühlen im Norden den Jesus. Aber dieses Fühlen war immerhin ein solches, das den Leuten tief zu Herzen ging, nur ist es in sich selbst nicht recht verständlich. Denn wenn man das über alles Maß Große, das der Christus Jesus für die Menschheitsentwickelung bedeutet, vergleicht mit all den sentimentalen Läppereien, welche in vielen Dichtungen und Liedern von dem «lieben Jesulein» enthalten sind, mit denen man die Herzen gewohnheitsmäßig rührt, indem sie in ihren Egoismen glauben, damit wirklich himmelstürmende Gefühle in sich zu erleben, dann hat man unmittelbar einen Eindruck davon, wie sich da etwas einleben will, aber nicht voll einleben kann, wie sich etwas mit einem andern verbindet so, daß eigentlich dasjenige, was der tiefere Sinn, die ganze tiefere Bedeutung ist, im Unterbewußtsein der Menschen bleibt."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p017","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p017","passage_number":17,"word_count":176,"text":"Was bleibt nun im Unterbewußtsein der Menschen, indem der JesusBegriff, die Jesus-Empfindung, das Jesus-Erlebnis heraufsteigt? Merkwürdig, wie das geschah! Das Christus-Verständnis zog ins Unterbewußte, und das Jesus-Verständnis glomm im Unterbewußten auf. Im Unterbewußten der Menschen, nicht im Bewußtsein, das ohnmächtig war, sollten sich zusammenfinden und ausgleichen das verglimmende, das für das Bewußtsein verglimmende Christus-Bewußtsein und das im Unterbewußten herauftauchende, erglimmende Jesus-Bewußtsein. Warum nahmen denn die Völker, die herunterkamen von Skandinavien, von dem heutigen Norden Rußlands, warum nahmen denn diese das Christentum auf nicht mit der Christus-Idee, die diesen Leuten zunächst ganz fremd blieb? Warum nahmen sie denn das Christentum auf mit der Jesus-Idee? Warum ist denn da das Weihnachtsfest dasjenige Fest, das vor allen Dingen zu dem menschlichen Herzen sprach, unendliche Gefühle einer heiligen Wonne aus den menschlichen Herzen heraus erweckte? Warum denn? Was war denn da in diesem Europa, das im Grunde genommen vom Süden her ein vollständig entstelltes Christentum erhielt, was war denn da in diesem Europa, daß in den Herzen diejenige Idee aufleuchtete, die dann in dem Weihnachtsfeste ihren tiefen, tiefen Empfindungsgehalt erlebt?"},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p018","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p018","passage_number":18,"word_count":64,"text":"Man war vorbereitet; aber man hatte bis zu einem gewissen Grade vergessen, wodurch man vorbereitet war: man war vorbereitet aus den alten nordischen Mysterien heraus. Aber man hatte den Sinn der alten nordischen Mysterien vergessen. Und man muß weit zurückgehen, wenn man aus dem inneren Sinn der nordischen Mysterien heraus jenes tiefe Geheimnis von dem Eindringen der Jesus-Empfindung in das europäische Gemütsleben entdecken will."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p019","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p019","passage_number":19,"word_count":240,"text":"Es lag diesen nordischen Mysterien etwas ganz anderes zugrunde als den Mysterien Vorderasiens, als jenen des Südens. Es lag diesen Mysterien des Nordens etwas zugrunde, was mit dem unmittelbaren Dasein der Sterne, mit der Natur, mit dem Erdenwachstum inniger zusammenhing als dasjenige, was in einer Tempelumfassung in Symbolen gezeigt wurde. Die Mysterienwahrheiten sind nicht jene Spielereien, zu denen sie gewisse mystische Sekten heute machen wollen; die Mysterienwahrheiten sind große, gewaltige Impulse innerhalb der Menschheitsevolution. Ebensowenig wie wir zur Gnosis, zu den alten Gnostikern zurückgehen können mit der heutigen Anthroposophie, ebensowenig kann die Menschheit zu dem zurückkehren, was zum Beispiel die alten Mysterien des Nordens für die Menschheitsevolution einst waren. Und es würde ein törichtes Mißverstehen sein, wollte man glauben, daß solche Mysterienwahrheiten enthüllt werden aus dem Grunde, weil man irgendwie da zurückgehen will auf das, was in ihnen lebte. Der Selbstbesinnung wegen muß die Menschheit heute wissen, was in solchen Mysterien lebte. Denn das, was in den nordischen Mysterien im Zusammenhang mit der ganzen Weltenentwickelung stand, hing zusammen mit dem, was sich von der Erde aus ergab, so wie das vom Kosmos inspirierte gnostische Wissen mit dem zusammenhing, was in Weltenweiten und Weltenfernen sich abspielte. Das Menschengeheimnis in seinem Zusammenhang mit allen Geheimnissen des Kosmos, wie es sich abspielt, wenn der Mensch hier auf der physischen Erde in sein physisches Dasein tritt, das liegt in einer gewissen Zeit der Erdenentwickelung so tief, wie sonst nirgends diesen alten nordischen Mysterien, zugrunde."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p020","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p020","passage_number":20,"word_count":308,"text":"Aber man muß weit zurückgehen, ungefähr bis in das 3. Jahrtausend, vielleicht noch weiter zurück, um das zu verstehen, was in den Gemütern lebte, welche später die Jesus-Empfindung aufnahmen. Dort ungefähr, wo die jütische Halbinsel mit dem heutigen Dänemark ist, da war das Zentrum, von dem in jenen alten Zeiten bedeutende Mysterienimpulse ausgingen. Und diese Mysterienimpulse hingen damit zusammen — das mag der heutige Verstand beurteilen, wie er will -, daß noch im 3. Jahrtausend vor unserer christlichen Zeitrechnung in diesem Norden bei bestimmten Stämmen nur derjenige als ein wirklich erdenwürdiger Mensch angesehen wurde, der in gewissen Wochen der Winterszeit geboren war. Das kam daher, daß von jener geheimnisvollen Mysterienstätte auf der jütischen Halbinsel unter den Stämmen, die sich damals die Ingävonen nannten, oder von den Römern wenigstens, von Tacitus, die Ingävonen genannt wurden, der Tempelpriester den Impuls gab, daß nur zu einer bestimmten Zeit — im ersten Viertel des Jahres - die geschlechtliche Verbindung der Menschen stattfinden sollte. Jede geschlechtliche Verbindung der Menschen außer der Zeit, die von dieser Mysterienstätte aus verfügt wurde, war verpönt; und derjenige war ein minderwertiger Mensch innerhalb dieses Stammes der Ingävonen, der nicht in der Zeit der finstersten Nächte, in der kältesten Zeit, gegen unser Neujahr hin geboren wurde. Denn der Impuls von jener Mysterienstätte ging aus in der Zeit, in welcher der erste Vollmond nach der Frühlingssonnenwende war. Da nur durfte unter jenen Menschen, die sich wirklich verbunden glauben sollten mit den geistigen Welten, so wie es des Menschen würdig war, in dieser Zeit allein durfte eine geschlechtliche Verbindung stattfinden. Dadurch, daß die Kräfte, die in eine solche geschlechtliche Verbindung hineingehen, in der ganzen übrigen Zeit für die Kraftentwickelung des Menschen aufgespart wurden, wurde jene eigentümliche Stärke entwickelt, welche — wenigstens noch in den Nachklängen — Tacitus zu bewundern hatte, der ein Jahrhundert nach dem Stattfinden des Mysteriums von Golgatha schrieb."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p021","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p021","passage_number":21,"word_count":138,"text":"So erlebten jene, die dem Stamme der Ingävonen angehörten, in besonders intensiver Weise — die andern germanischen Stämme in abgeschwächter Art - in der ersten Vollmondzeit nach der Frühlingssonnenwende den Vorgang der Empfängnis: nicht im Wachbewußtsein, sondern in einer Art von Traumverkündung. Sie wußten jedoch, was das zu bedeuten hat im Zusammenhange des Menschengeheimnisses mit den Himmelsgeheimnissen. Ein geistiges Wesen erschien der Empfangenden und verkündete ihr wie in einem Gesichte den Menschen, der durch sie auf die Erde kommen sollte. Kein Bewußtsein gab es, sondern nur ein Halbbewußtsein in der Sphäre, welche die Menschenseelen erlebten, wenn das Hereintreten des Menschen in die physisch-irdische Welt sich vollzieht. Unterbewußt wußte man sich regiert von Göttern, die dann den Namen der «Wanen» erhielten, was zusammenhängt mit «wähnen», mit demjenigen, was nicht bei äußerem vollen intellektuellen Bewußtsein verläuft, sondern in «wissendem Traumesbewußtsein»."},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p022","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p022","passage_number":22,"word_count":153,"text":"Dasjenige, was zu einer Zeit da war, und was für diese Zeit angemessen war, das erhält sich oftmals in späteren Zeiten in äußeren Symbolen. Und so hat die Tatsache, daß in diesen alten Zeiten das heilige Geheimnis der Menschwerdung ins Unterbewußte gehüllt war und dazu geführt hat, daß alle Geburten zusammengedrängt waren in einen bestimmten Teil der Winterszeit, so daß es wie sündhaft angesehen wurde, wenn auch zu einer andern Zeit ein Mensch geboren wurde, sich gewissermaßen erhalten in dem, wovon im Grunde genommen nur Splitter in das spätere Bewußtsein übergegangen sind, Splitter, deren Sinn bisher keine Gelehrsamkeit enthüllt hat. Ja, diese gesteht offen ihre Ohnmacht ein, sie zu enthüllen. Splitter haben sich erhalten in der sogenannten Herta- oder Erda- oder Nertus-Sage. Denn im Grunde genommen ist alles, was man in äußerer Beziehung über die Nertus-Sage weiß, mit Ausnahme einiger Notizen, im Tacitus enthalten, der über den Nertus- oder Herta-Dienst das Folgende berichtet:"},{"locus":"GA 173a/1916-12-21/p023","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/173a/1916-12-21/p023","passage_number":23,"word_count":2627,"text":"> «Die Reudigner, Avionen, Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen, Nuithonen - deutsche Völker zwischen Flüssen und Wäldern wohnend» — das sind ungefähr die einzelnen Stämme, die zu den Ingävonen gehören — «verehren insbesondere die Nertus, das ist: die Mutter Erde, und glauben, daß sie sich in die menschlichen Dinge mischt und zu den Völkern gefahren kommt.»\n> In alten Zeiten wußte aus dem religiösen Dienst der Wanen heraus jede Frau, die der Erde einen Erdenbürger geben sollte, in ihrem Traumbewußtsein, daß ihr die Göttin, die später als Nertus verehrt wurde, erscheinen würde. Die Gottheit wurde aber nicht eigentlich weiblich, sondern mann-weiblich vorgestellt, Nertus ist nur später durch eine Korruption vollständig zum weiblichen Prinzip geworden. Gerade so, wie der Maria der Erzengel Gabriel sich näherte, so näherte sich in den alten Zeiten die Nertus auf ihrem Wagen derjenigen, die der Erde einen Erdenbürger geben sollte. Das sahen im Geiste die betreffenden Frauen. Später, als der Mysterienimpuls in dieser Art längst verglommen war, feierte man dieses Ereignis im Nachklang, im Symbolum, und das sah noch Tacitus und beschreibt es wie folgt:\n> Diesen Priester dachte man sich eben als den Eingeweihten des HertaMysteriums.\n> So war auch wirklich die Vision. In solchen alten Urkunden werden die Dinge recht genau geschildert, die Menschen verstehen sie nur nicht. «Da ist froher Tag und Hochzeit. Da war kein Krieg gestritten, keine Waffe ergriffen, das Eisen verschlossen.» So war es in der Tat in der Zeit, die jetzt unsere Österzeit ist, wenn die Menschen aus dem inneren Seelenleben heraus die Zeit der Erdenfruchtbarkeit auch für sich gekommen glauben mußten und jene Seelen empfangen wurden, die dann in der Zeit geboren wurden, die jetzt unsere Weihnachtszeit ist. Zur Osterzeit war die Empfängniszeit. Und hierauf bezog sich, weil man das Ganze als kosmisch-heiliges Mysterium ansah, dasjenige, was später sein Symbolum in dem Nertus-Dienst gefunden hat. Das Ganze aber war gehüllt in das Unterbewußte, hat nicht herauf gedurft in das Bewußtsein. Das klingt durch, indem Tacitus jenen Dienst schildert:\n> Von allem, was in der Welt eintritt, bildet sich auch ein luziferisches und ein ahrimanisches Gegenbild. Dasjenige, was im Ingävonen-Sinne das in der geregelten Menschheitsevolution Liegende war, das bezog sich auf die Zeit des ersten Vollmonds nach der Frühlingssonnenwende. Aber was in alten Zeiten durch das Vorrücken der Tagundnachtgleiche als traumhaftes Erleben aus alten Zeiten zurückgeblieben war, wurde immer mehr in eine spätere Zeit verlegt und war dadurch ahrimanisch geworden. Wenn also das, was im echten Herta-Dienste in alten Zeiten gedacht worden ist, um ungefähr vier Wochen später verlegt wurde, so war es ahrimanisch geworden. Dieses Ahrimanischgewordensein bedeutete also, daß auf unrechtmäßige Weise — zur unrechtmäßigen Zeit — der Zusammenhang, die Verbindung der Menschenfrau mit der geistigen Welt gesucht worden war. Das blieb dann festgehalten in der Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1.Mai! Nur eine ahrimanische Zeitversetzung haben wir da zu sehen. Sie wissen, luziferische Zeitversetzung geht zurück; das Ahrimanische erscheint umgekehrt, weil es mit dem Vorrücken der Tagundnachtgleiche zusammenhängt: das Zurückgebliebene erscheint in diesem Fall später. Dasjenige also, was die ahrimanische, die mephistophelische Kehrseite des Herta-Dienstes war, die Verkehrung ins Teuflische, ist später zur «Walpurgisnacht» geworden, die mit dem urältesten Mysterienwesen zusammenhängt, von der sich nur eben der schwache Nachklang dann erhalten hat.\n> Vieles von diesem Mysterienwesen lebte, wenn man die Sache richtig versteht, gerade in den skandinavischen Mysterien weiter. Dort gibt es statt der Nerta einen Gott Friggo, der seiner Symbolik nach - aber man muß es zuerst aus der Geisteswissenschaft wissen — geradezu zum Verräter wird dessen, was da eigentlich zugrunde lag.\n> Und noch eines war da, das erwähnt sein soll in bezug auf diese Mysterienbräuche. Sie können sich denken: Wenn seit der Zeit des Frühlingsvollmondes bis in die Winterszeit hinein also die Menschenfrucht herangereift war, gab es in der Regel ein solches Menschenwesen, das als erstes in der Heiligen Nacht geboren wurde. Dieses Menschenwesen, das als erstes in der Heiligen Nacht geboren wurde unter den Stämmen der Ingävonen - in ältesten Zeiten war dies in jedem dritten Jahre der Fall -, das wurde zum Führer auserkoren, wenn es dreißig Jahre alt geworden war, und es sollte drei Jahre Führer bleiben, nur drei Jahre. Was dann mit ihm geschah, darf ich vielleicht in späterer Zeit einmal mitteilen.\n> Forscht man ganz genau nach, so ist nicht nur Frigg, Frei, Freia gewissermaßen bloß eine Art Nebenbedeutung für die Nertus, ebenso wie der nordische Nört, sondern es ist auch der Name Ing selber, von dem her die Ingävonen sich nennen, ein Nebenname für die Nertus. Die mit diesem Mysterium Verbundenen, sie nannten sich die zum Gotte oder zur Göttin Ing Gehörigen: Ingävonen. In der äußeren Welt sind eben nur Splitter geblieben von dem, was da eigentlich lebte. Einer der Splitter sind die Worte des Tacitus, die ich Ihnen mitgeteilt habe. Ein anderer Splitter ist das berühmte angelsächsische Runenlied, welches nur wenige Zeilen enthält. Diese berühmten Zeilen, die heute jeder Phi:lologe der Germanistik studiert, kennt, deren Sinn aber keiner versteht, lauten etwa so:\n> In diesem angelsächsischen Runenlied ist ein Nachklang dessen enthalten, was geschehen war: was man in dem alten Mysterienbrauch hatte von der Österempfängnis im Hinblick auf die Weihnachtsgeburtszeit. Was da geschah in der geistigen Welt, man wußte es vor allen Dingen auf der dänischen Halbinsel. Daher sagt das Runenlied mit Recht: «Ing wurde zuerst bei den Männern der Ostdänen gesehen.» Dann kamen immer mehr und mehr die Zeiten, wo dieses alte Wissen in die Korruption verfiel, wo nur Nachklänge, Symbolik vorhanden war, wo überhaupt innerhalb der Menschheitsentwickelung mehr das aus den warmen Ländern Stammende sich verbreitete. Und aus den warmen Ländern stammt dasjenige, was nicht, wie in den kalten Ländern, damit zusammenhängt, daß die Jahreszeit eine innige Beziehung hat zu dem, was der Mensch in seinem Innern erlebt. Es kam die Ausstreuung der Menschenfrucht über das ganze Jahr hin, die selbstverständlich in diesen Gegenden auch schon da war im alten atavistischen Hellsehen, wenn auch noch von den alten Prinzipien durchdrungen, als in der kalten Gegend die Wanengötter herrschten und in den südlichen Gegenden die Tempelmysterien schon längst an die Stelle der Naturmysterien getreten waren. Es kam das schon nach Norden, noch vermischt mit dem Alten, als die Wanengötter ersetzt wurden durch die Asengötter. Wie die Wanengötter zusammenhängen mit dem «wähnen», so die Asengötter mit dem Sein, das heißt mit dem Sein in der äußeren, der materiellen Welt, das der äußere Verstand ergreifen will. Und als die nordischen Menschen eingetreten waren in ein Zeitalter, in welchem der Verstand des einzelnen anfing, sich geltend zu machen, als die Asen an die Stelle der Wänen, der Wanen getreten waren, da korrumpierte sich die alte Mysteriensitte. Sie zog hinüber in einzelne verstreute Mysteriengemeinschaften des Ostens. Und nur einer noch — derjenige, in dem erneuert werden sollte der ganze Sinn der Erde -, nur einer, in dem der Christus wohnen sollte, der sollte das in sich vereinigen, was einstmals Inhalt der nordischen Mysterien war.\n> Daher müssen wir, wenn uns im Lukas-Evangelium die Erzählung von dem Erscheinen des Erzengels Gabriel bei der Maria entgegentritt, deren Ursprung in den wahren Visionen suchen, die auftraten in dem, was sich einst in dem Nertus-Symbol der alten Nertus-Mysterien spiegelte. Hinübergezogen war dies nach dem Osten. Die Geisteswissenschaft enthüllt es uns heute, und sie allein gibt dem angelsächsischen Runenlied einen Sinn. Denn Nertus und Ing sind dasselbe. Und von Ing wird ja gesagt: «Ing wurde zuerst bei den Männern der Ostdänen gesehen, später ging er nach dem Osten. Über die Wogen schritt er, und der Wagen rollte ihm nach.» Über die Wogen der Wolken selbstverständlich, so wie die Nerta über die Wogen der Wolken schritt. Was allgemein gewesen war in den Gegenden der kälteren Zone, das wurde singulär, wurde ein Einzelnes. Das trat als ein Singuläres, als ein Einzelnes auf und tritt uns wieder entgegen in der Schilderung des LukasEvangeliums.\n> Was aber einmal da ist und sich eingelebt hat, sich verankert hat in der Auffassung des Gemüts, das bleibt dann im Gemüte, sitzt in der Seele. Und als man im Norden vom alten römischen Süden her die Kunde des Christentums erhielt, empfing man damit etwas, was zusammenhing mit einem nicht mehr im vollen Bewußtsein, sondern im Unterbewußtsein lebenden und deshalb nur gefühlten alten Mysterienbrauch. Daher konnte sich dort die Empfindung für den Jesus besonders stark entwickeln. Ins Unterbewußtsein war schon hinuntergezogen, was im alten Nertus-Mysterium lebte; doch im Unterbewußtsein war es vorhanden, wurde gefühlt und empfunden.\n> Wenn einst in alter Zeit die Familien zusammenkamen im hohen Norden, als die Erde noch von Wäldern bedeckt war, in denen noch der Auerochs und das Elentier hausten, wenn sie sich in ihren eingeschneiten Hütten bei brennenden Lichtern um das neugeborene Kind versammelten und davon sprachen, daß ihnen mit diesem neuen Leben jenes neue Licht gebracht sei, welches der Himmel ihnen verkündet hatte in der Vorfrühlingszeit, so war dies das alte Weihnachten. Da wurde denen, zu welchen die Kunde vom Christentum einstmals kommen sollte, erzählt, es sei einer in der besonders heiligen Stunde geboren, der zu Großem ausersehen sei. Das war derjenige, der als der erste nach der zwölften Stunde in der als heilig bezeichneten Nacht geboren wurde. Darüber besaß man nicht mehr das alte Wissen, aber das alte Fühlen regte sich noch, als die Kunde kam, daß so einer im fernen Asien geboren sei, in welchem der Christus lebte, der von der Sternenwelt zur Erde heruntergekommen war.\n> Solches immer mehr und mehr zu verstehen und dadurch den Sinn der Entwickelung der Erdenmenschheit wirklich konkret zu fassen, das obliegt der Gegenwart. Denn Großes und Ungeheures ist in den heiligen Schriften enthalten; nicht jene Trivialitäten, von denen heute in den religiösen Kundgebungen so oft gesprochen wird, sondern jene markdurchzuckenden, herzdurchtränkenden heiligen Wahrheiten, die durch alle Menschheitsentwickelung gehen. Das vibriert in demjenigen, was in den Evangelien enthalten ist. Und indem Geisteswissenschaft enthüllt, auf welch tiefen Hintergründen dasjenige ruht, was in den Evangelien lebt, werden diese Evangelien der Menschheit einmal erst teuer und wert werden. Und wissen wird die Menschheit einmal, warum im Lukas-Evangelium erzählt wird:\n> Für ihn als für den Erstgeborenen unter denen, die sich in der Seele finden sollen, war von der dänischen Halbinsel nach dem entfernten Osten jene alte heilige Mysterienkraft hinübergezogen.\n> So verkündete auch Nerta, die für das alte Wanenbewußtsein, das heißt für das Unterbewußtsein im atavistischen Hellsehen, durch die Gefilde zog, die Ankunft der Menschen auf der Erde.\n> und sie sprachen jetzt, was der Nerta-Priester zu der empfangenden Frau im alten nordischen Mysteriendienst gesprochen hat:\n> Wie Tacitus erzählt: «Da ist froher Tag und Hochzeit, da wird kein Krieg gestritten, keine Waffe ergriffen, das Eisen verschlossen.»\n> Das ist gerade das Große, zu dem sich der Mensch erheben muß: hineinzuschauen in den Gang der Menschheitsentwickelung. Denn auch das Mysterium von Golgatha, durch welches die ganze Erdenentwickelung ihren tieferen Sinn bekommen hat, wird voll verständlich, wenn gezeigt wird, wie es innerhalb der ganzen Menschheitsentwickelung darinnensteht. Wenn einmal der Materialismus verschwunden sein wird und der Mensch nicht nur in abstracto, sondern in concreto wissen wird, wie er göttlichen Ursprungs ist, dann wird wiederum ein Verständnis sein für die heiligen Mysterienwahrheiten des Altertums; dann wird die Zwischenzeit vorüber sein, in der zwar der Christus auf der Erde lebt, aber nur zum geringen Teil mit dem erwachten Bewußtsein verstanden werden kann. Denn das Christus-Verständnis der Gnosis verglomm; das Jesus-Verständnis entwickelte sich im Zusammenhange mit dem alten Nertus-Dienst nur unbewußt. In der Zukunft aber wird die Menschheit die beiden unbewußten Strömungen sich zum Bewußtsein bringen und sie verbinden müssen. Dann wird immer mehr und mehr ein Christus-Verständnis auf der Erde Platz greifen können, das die Verbindung sein wird der Mysterienerkenntnis mit einer erneuerten großen Gnosis.\n> Wer anthroposophische Weltanschauung und die mit ihr zusammenhängende Bewegung ernst nimmt, wird in demjenigen, was sie der Menschheit zu sagen hat, kein Kinderspiel sehen, sondern ernste, große Wahrheiten. Und wir müssen uns schon in der Seele erschüttern lassen, weil das Große uns erschüttern soll,\n> Die Erde ist nicht nur ein großes Lebewesen, sie ist ein erhabenes Geistwesen. Und wie das größte Menschengenie im späteren Alter nicht da stehen könnte, wo es steht, wenn es sich nicht durch Kindheit und Jugend in entsprechender Weise entwickelt hätte, so hätte das Mysterium von Golgatha nicht stattfinden können, es hätte das Göttliche sich nicht mit der Erdenentwickelung vereinigen können, wenn nicht im Anfange der Erdentage in anderer, aber auch in göttlicher Weise Göttliches auf die Erde heruntergestiegen wäre. Anders, als sie später verstanden werden konnte, war die Offenbarung des Göttlichen aus den Höhen im alten Nertus-Dienste; aber sie war da.\n> In dieser alten Weisheit ist zwar eine atavistische Erkenntnis enthalten, aber eine unendlich höhere als in dem, was heute in so brutaler Weise als materialistische Weltanschauung die Menschheit vertiert, erkenntnismäßig vertiert.\n> Beim Christentum handelt es sich um eine Tatsache, nicht um eine Theorie. Die Theorie muß folgen, sie ist für das menschliche Bewußtsein, das sich im weiteren Verlauf der Erdenevolution ergeben soll, wichtig; aber das Christentum als solches, das Mysterium von Golgatha, ist als Tatsache vorhanden, und es handelte sich darum, daß gerade in die unterbewußten Strömungen das Christentum zunächst eintrat. Das war noch möglich in Vorderasien in der Zeit, als Christus mit der Erde sich vereinigte.\n> Hirten, ähnliche Leute wie die, unter denen der Nertus-Dienst gelebt hat, sind auch im Lukas-Evangelium geschildert. Ich kann Ihnen das alles nur skizzenhaft andeuten. Könnten wir lange darüber reden, so würde sich gerade das, was ich Ihnen heute zu sagen habe, als tief begründet ergeben. Weil der Mensch aus geistigen Höhen heruntergestiegen ist, darum vollzog sich die Offenbarung des Göttlichen aus den himmlischen Höhen. Es mußte so gesprochen werden zu denen, welche aus der alten Weisheit das Schicksal des Menschen verbunden wußten mit demjenigen, was in den Sternen von den Himmeln lebt. Dasjenige aber, was auf der Erde leben soll durch den Eintritt des Christus in einen Erdenmenschen, es wird erst nach und nach verstanden werden müssen. Die Botschaft ist zweigliedrig, zweiteilig: «Offenbarung des Göttlichen aus den Höhen» — «Friede in den Erdenseelen, die eines guten Willens sind.» Ohne diesen zweiten Teil hat Weihnachten, das Fest der Geburt des Christus, keinen Sinn!\n> Und nicht nur wurde der Christus für die Menschen geboren: die Menschen haben den Christus auch gekreuzigt! Auch dem liegt eine Notwendigkeit zugrunde, aber deshalb ist es ja nicht minder wahr, daß die Menschen den Christus gekreuzigt haben. Und es kann gewußt werden, daß die Kreuzigung, die auf dem hölzernen Kreuze zu Golgatha stattfand, nicht die einzige Kreuzigung war. Eine Zeit muß kommen, in der verstanden werden kann der zweite Teil des Weihnachtsspruchs: «Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!» Denn auch das Negative darf gefühlt und empfunden werden: die Menschen sind weit davon entfernt, den Christus und das Weihnachtsmysterium im richtigen Sinne zu verstehen.\n> Muß es uns doch ins Herz schneiden, daß wir selber in einer Zeit leben, wo die Friedenssehnsucht des Menschen angebrüllt wird. Fast unwahr ist es in diesen Tagen des Anbrüllens der Friedenssehnsucht der Menschen, Weihnachten zu feiern. Wollen wir heute, da das Äußerste noch nicht vor uns steht, hoffen, daß in den Seelen Umkehr eintreten kann, und daß an die Stelle des Anbrüllens der Friedenssehnsucht christliches Empfinden, Friedenswille trete. Sonst werden vielleicht nicht diejenigen, die heute in Europa streben, sondern diejenigen, die von Asien herüber das Anbrüllen der Friedenssehnsucht einmal rächen werden, auf den Trümmern des europäischen Geisteslebens das Christentum und das Mysterium von Golgatha der Menschheit zu verkündigen haben. Und unauslöschlich wird es dann bleiben: Zu Weihnachten im neunzehnhundertsechzehnten Jahre nach der Verkündigung, daß Friede auf Erden unter den Menschenseelen, die eines guten Willens sind, sein möge, im neunzehnhundertsechzehnten Jahre nach der Weihnachtsverkündigung konnte die Menschheit einmal dazu kommen, die Friedenssehnsucht zu verbrüllen!\n> Möge es nicht so sein! Davor mögen die guten Geister, die in den Weihnachtsimpulsen wirken, die unglückselige europäische Menschheit behüten!\n> .original"}]}