Zehnter Vortrag
Im Norden ist gerade dasjenige, was dort vorhanden sein konnte, verschwunden: die Jesus-Empfindung. Die Jesus-Empfindung ist im Norden wirklich ausgebildet worden, wie ich vorgestern sagte, bis in das 8., 9., 10. Jahrhundet nach dem Mysterium von Golgatha. In alten Zeiten begrüßte man in jedem Hause, wo eine Geburt stattfand, das Christkind, das allein, insbesondere beim Stamm der Ingävonen, als ein würdiges Stammesmitglied aufgenommen werden konnte, während deplaziert war derjenige, der — selbstverständlich ohne Pedanterie — zu anderen Zeiten geboren wurde. Aber wir haben gezeigt, wie dasjenige, was dann als äußeres Christentum sich verbreitet hat, alles zurückdrängte, was selbst noch in Mythen und Umzügen, also in Kultgebräuchen, zusammenhing mit jener alten Jesus-Empfindung. Und wir haben gesehen, wie seit der Mitte des Mittelalters gewissermaßen angestrengt gearbeitet worden ist, um zu verwischen dasjenige, was sich von Jütland her über Europa, namentlich Mitteleuropa, ausgebreitet hatte.
Cite:
GA 173b/1916-12-25/p010 · edition original