Vierzehnter Vortrag
Es ist begreiflich, daß in unserer Zeit so etwas gesagt wird, und ich führe es an, weil es von einem wirklich ernsten Menschen von echter Gesinnungstüchtigkeit gesagt worden ist. Aber es ist, wenn man es näher betrachtet, so verlogen, wie nur irgend etwas verlogen sein kann; denn man kann nichts Verlogeneres sagen, als: «Ich werde mitsingen: «Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechtem, «Ein feste Burg ist unser Gott> » und so weiter, mit der Stimmung, daß es eben ein Gebet, ein gesungenes Gebet ist, wenn man überhaupt nur diesen Glauben hat, den der Betreffende hier charakterisiert. Es ist geradezu eine Lobrede auf die Verlogenheit. Solche Lobreden auf die Verlogenheit finden Sie heute auf Schritt und Tritt, und sie sind, ich möchte sagen, im guten Glauben gehalten; sie sind das Korrelativgift zu dem, was sich als imaginatives, spirituelles Leben entwickeln muß. Und gerade bei den besten Menschen kann mehr oder weniger im Unbewußten solche Giftwirkung vorhanden sein. Wenn man allerdings weiß, daß so etwas, indem es im sozialen Leben pulsiert, genau so ist, wie wenn man einem menschlichen Organismus einen Tropfen Gift einflößen würde, dann kann man alle diese Dinge in der richtigen Weise beurteilen. Wenn man das aber weiß, dann wird man sich auch verpflichtet fühlen, etwas im Leben zu verwirklichen, was jetzt öfters charakterisiert worden ist: Man wird sich bemühen, ein offenes Auge für die Tatsachen, ein gesundes Beobachten des Lebens zu entwickeln; ohne das kommt man heute nicht aus. Und das Karma, von dem ich gesprochen habe, das sich erfüllt, und das nun nicht das Karma eines einzelnen Volkes, sondern eben der ganzen europäisch-amerikanischen Menschheit des 19. Jahrhunderts ist, das ist schon das Karma dieser Unwahrhaftigkeit, das schleichende Gift der Unwahrhaftigkeit.
Cite:
GA 173b/1917-01-01/p029 · edition original