Zwanzigster Vortrag
Sehen wir einmal an, wie er nun weiter verläuft. Wir müssen also bei ihm die Wirkung bis ins 13. Jahrhundert, wo er gewissermaßen seine Berechtigung hatte, weil es noch der vierte nachatlantische Zeitraum war, von dem unterscheiden, was nachher folgte, wo er einen andern Charakter, den Charakter zurückgebliebener Impulse annimmt. Er sucht sich auszubreiten. Wie breitet er sich aus? Er breitet sich allerdings bedeutsam aus. Wir sehen ja, daß dasjenige, was allmählich in der neueren Zeit heranreift als Staatsgebilde, mehr oder weniger durchdrungen wird von diesem romanischen Katholizismus. Wir sehen, wie das heranreifende englische Staatsgebilde im Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraumes zunächst ganz in den Händen dieses romanischen Katholizismus ist. Wir sehen, wie Frankreich und auch das übrige Europa sich in bezug auf Vorstellungen und Lebensimpulse in den Fängen dieses romanisch-hierarchisch-kultischen Elementes befinden. Wenn wir das charakterisieren wollen, was da eigentlich lebt, so müssen wir sagen: Es besteht das Bestreben, von Rom aus mit diesem hierarchischen Kirchenelement die Kultur Europas bis zu jenem Wall, den sie sich selbst geschaffen hat in Osteuropa, zu durchtränken, ganz zu durchsetzen. - Aber merkwürdigerweise nimmt eine solche Bestrebung, wenn sie ein zurückgebliebener Impuls wird, einen äußerlichen Charakter an. Sie hat nicht mehr die Kraft, innerliche Intensität zu entwickeln, nimmt dafür einen äußerlichen Charakter an. Sie ergießt sich gewissermaßen in die Breite und hat keine Kraft, in die eigene Tiefe zu gehen. Daher sehen wir das Merkwürdige, daß der römische Hierarchismus immer extensiver wird, immer mehr in die Breite geht, daß er aber in den Ländern, von denen er ausstrahlt, die eigene Bevölkerung unterhöhlt, daß er keine Innerlichkeit gibt.
Cite:
GA 173c/1917-01-15/p013 · edition original