Zwanzigster Vortrag

GA 173c/1917-01-15/p045 ·1917-01-15 · original (original)
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So ist es aber auch mit dem Dritten, das auftaucht, dem Britischen. Zunächst ein gewisses Parallelgehen, wie es sich insbesondere darin ausdrückt, daß der große Shakespeare vom 18. Jahrhundert ab und im Laufe des 19. Jahrhunderts ein vollständig deutscher Dichter wird, indem er ganz und gar aufgenommen wird. Er wird ja nicht etwa bloß übersetzt, sondern er wird vollständig assimiliert, er lebt im deutschen Geistesleben. Ich will aus leicht begreiflichen Gründen nicht sagen, er lebt heute im deutschen Geistesleben mehr als im britischen Geistesleben weiter. Aber man sehe sich doch einmal die ganze Entwickelung an von Elias Schlegel, der die erste Shakespeare-Übersetzung machte, bis zu der feingeistigen Durchdringung des Geistes Shakespeares bei Lessing, dem Enthusiasmus der deutschen Naturalisten des 18. Jahrhunderts und Goethes gegenüber Shakespeare, weiter herauf über die ganz ausgezeichneten, man kann nicht sagen Übersetzungen, sondern deutschen Assimilierungen Shakespeares durch die Schlegel und Tieck und weiter bis in unsere Tage. Shakespeare lebt in dem deutschen Volkstume. Und als ich selber nach Wien kam und neben meinem naturwissenschaftlichen Studium literarhistorische Vorlesungen hörte, da waren die ersten Vorlesungen, die ich zu hören hatte, von Schröer, der dazumal sagte, er wolle über die drei bedeutendsten deutschen Dichter sprechen: über Schiller, Goethe und Shakespeare! Das ist selbstverständlich nicht ein Kapern Shakespeares, der nicht etwa für die Deutschen in Anspruch genommen werden sollte; aber es zeigt dieses eine Beispiel, wie dieses In-Opposition-Stehen zu gleicher Zeit ein absolutes Mitarbeiten ist. So war es gegenüber dem Diplomatisch-PolitischFranzösischen, so wurde es auch gegenüber dem Britischen. Aber zu gleicher Zeit muß der Gegenpol da sein. Das dritteGlied hat noch keine Ausgestaltung gefunden in Mitteleuropa. Dasjenige, was zur Reformation geführt hat, ist das erste; das steht dem Südlich-Hierarchischen gegenüber. Dem Westlichen steht gegenüber dasjenige, was in Goethes «Faust» gipfelt. Was wir für Mitteleuropa erhoffen, ist das eigentliche Ausgestalten des geisteswissenschaftlichen Elementes. Und in bezug darauf wird sich die schärfste Opposition zwischen Mitteleuropa und dem britischen Gebiete ergeben, eine Opposition, die noch schärfer ist als diejenige, in die Lessing, Goethe und ihre Nachfolger geraten sind gegenüber dem Diplomatisch-Französischen. Und in dieser Beziehung war es nur ein Vorspiel, was sich abgespielt hat zwischen uns und den Besantianern und so weiter. Diese Dinge müssen aber durchaus von den großen, weiten Gesichtspunkten aufgefaßt werden.

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Cite: GA 173c/1917-01-15/p045 · edition original