Zwanzigster Vortrag
Aber nichts anderes soll geschehen, als jener Mission zu dienen, welche darin besteht, das spirituelle Leben zu fördern, das spirituelle Leben zur Geltung zu bringen. Und das ist nun auf der einen Seite verknüpft mit dem Grundsatze: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt», und auf der andern Seite mit dem Grundsatze: «Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.» Beides ist allerdings auch, wie Sie wissen, gutes Christentum. Aber es wird noch lange dauern, bis man bis in die Einzelheiten herein solche Dinge versteht. Jetzt treten vielfach wiederum sonderbare Worte auf, das lassen Sie mich zum allerlerzten Schluß sagen. Man sagt: Die Entente hat ihre Kriegsziele genannt, es sollen doch die Mittelmächte ihre Kriegsziele nennen, damit gleich für gleich spiele. - Überhaupt dieses Geschrei nach den mitteleuropäischen Kriegszielen, das hört man schon seit einiger Zeit. Nun, die Ententekriegsziele - wir haben einige von ihnen besprochen. Aber warum sollte denn Mitteleuropa seine Kriegsziele nennen? Es hat nie welche gehabt! Es hat keine! Daher hat es sich selbstverständlich auf den Standpunkt gestellt: Wir werden verhandeln und gern verhandeln, denn dann wird sich herausstellen, was ihr eigentlich wollt, und dann läßt sich reden; aber von uns aus: Wir haben nichts Besonderes zu sagen, wir wollen nur leben. — Daher kann man natürlich auch sagen: Die geben nicht ihre Kriegsziele an, da muß also etwas Besonderes dahinterstecken. — Es steckt gar nichts dahinter. Mitteleuropa will nichts anderes, als was es im Jahre 1913 und 1912 auch gewollt hat. Es hat damals keine Kriegsziele gehabt und hat auch heute keine. — Es kommt nicht darauf an, daß man etwas sagt, sondern darauf, daß das Gesagte der Wirklichkeit entspricht. Mit besonders lauter Kehle wird heute von allen Seiten geschrieen, daß eine besonders schlaue, verschmitzte Finte hinter diesem Weihnachtsfriedensruf der Mittelmächte gelegen sei. Irgendeine Verschmitztheit also, irgendein Den-andern-übertölpeln-Wollen soll in diesem Weihnachtsfriedensrufe gelegen haben. Von vielen Seiten wird behauptet, daß man den Frieden gar nicht haben wollte, sondern daß man nur ein besonders schlaues Mittel suchte, um den Krieg weiterführen zu können. Nun, wäre man doch darauf eingegangen! Man hätte ja nur einzugehen gebraucht auf den Friedensruf, dann hätte man es ja in der Hand gehabt, zu sehen, ob es eine Finte ist. So liegt wiederum das wirkliche Denken, nicht dasjenige, was sich an die bloße Phrase hält. Besiegung der Phrase mit allen Kräften unserer Seele ist das, was geschehen muß, meine lieben Freunde, und das gehört zum Nächsten, was wir in unserer eigenen Seele aufbringen müssen.
Cite:
GA 173c/1917-01-15/p059 · edition original