Einundzwanzigster Vortrag
Wir wissen ja hinlänglich, daß in alten, zurückliegenden Zeiten die Menschenseele mit der geistigen Welt in einem Zusammenhang war, der mehr elementar, mehr natürlich war, der nicht durch willkürliche Tätigkeit des geistigen Lebens herbeigeführt, sondern mehr selbstverständlich war. Atavistisch haben wir das genannt. Damals gab es auch, das wissen wir ja, für die Menschen keine Möglichkeit, die Unsterblichkeit, das Leben nach dem Tode zu bezweifeln. Diese Möglichkeit ist erst in der Übergangszeit eingetreten, die nun wiederum abgelöst werden soll von der Zeit, in der man wissen wird von dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Denn in alten Zeiten kam auf ganz natürliche Art an die Menschenseele etwas heran wie jetzt Wachen und Schlafen; ein dritter Zustand kam an die Menschenseele heran. Im heutigen Wachen ist der Mensch ganz und gar auf die physisch-sinnliche Welt beschränkt, er lebt in der physisch-sinnlichen Welt, er lebt in alldem, was er erfahren kann durch seine Sinne und durch den an das Gehirn gebundenen Verstand zwischen Geburt und Tod. Und im Schlafe, da ist der Mensch bewußtlos. Die Wesenheiten des Ich und des astralischen Leibes, in denen sich der Mensch befindet zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, die sind noch nicht stark genug, um ein entsprechendes Bewußtsein zu liefern. Wir wissen ja, der astralische Leib ist erst seit der Mondenzeit in Entwickelung, das Ich erst seit der Erdenzeit. Das sind für die kosmische Entwickelung junge Bedingungen, sie sind noch nicht stark genug, um ein Bewußtsein zu entwickeln, wenn sie sich selbst überlassen sind zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Allerdings steigen auf aus dem Schlafe die Träume, die Träume in ihren mannigfaltigen Bildern. In diesen Träumen ist unter Umständen schon sehr viel von der geistigen Welt enthalten. Es lebt in den Träumen schon durchaus sehr viel von der geistigen Welt, aber das Menschengemüt ist in seinem heutigen Zustand nicht fähig, gewissermaßen hinter die Träume zu sehen, auf dasjenige zu sehen, was sich in den Träumen auslebt. Die Träume sind täuschende Bilder, die sich aus einem Schleier der Maja weben. Wenn man sie in jedem einzelnen Falle richtig zu deuten weiß, so bekommt man aus den Träumen Erlebnisse von früheren Zeiten oder auch prophetische Vordeutungen auf die Zukunft. Man bekommt in den Träumen auch Abbildungen jener Vorgänge, die sich abspielen zwischen den Lebenden und den Toten im schlafenden Zustande des Menschen. Man bekommt alles durch die Träume herein. Aber der Mensch in der gegenwärtigen Lage seiner Entwickelung versteht nicht die eigentümliche Sprache der Träume, sie bleiben für ihn unverständliche Bilder, und das ist ganz natürlich. So wie der Europäer die Laute nicht deuten kann, wenn ein Chinese spricht, so kann der Mensch der Gegenwart nicht deuten die Bildersprache des Traumes.
Cite:
GA 173c/1917-01-20/p006 · edition original